Haie in der Ostsee - aber nur am Rand und auf Stippvisite

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25. Juli 2008, 12:02 Uhr

Stralsund - Rund 500 verschieden Arten Haie leben in den Meeren der Erde, darunter auch in der Ostsee. Dort sind die Knorpelfische aber lediglich Zaungäste. Die internationale Tierschutzorganisation Shark Alliance hat im Mai für die Ostsee und deren Randgewässer in einer Untersuchung zwar 31 verschiedene Arten von Haien und Rochen ausgemacht, doch nur ein Bruchteil dieser Haiarten sei durch jüngere Funde belegt, sagt der Hamburger Meeresbiologe und Mitautor der Studie, Michael R. George. Dieser Report, der wegen der geforderten Konsequenzen eines Fangverbots unter Fischern für Verwunderung sorgte, beruhe neben Fischereidaten auf Literaturstudien bis ins 19. Jahrhundert zurück, erklärte der Experte die nachgewiesene Vielfalt.

Lediglich einzelne Arten wie der Dornhai, der Heringshai oder der Blauhai seien in der westlichen Ostsee vor Dänemark und Schweden gesichtet worden. Unfälle gab es bisher nicht mit solchen Tieren. Von den 18 in der Studie nachgewiesenen Haiarten seien 13 ausschließlich im Skagerak und Kattegat - und damit in Randgewässern der Ostsee anzutreffen. „Die Ostsee liegt am Rande des Verbreitungsgebietes der Haie“, sagt George. Der Salzgehalt sei zu gering, als dass die Knorpelfische sich in dem Brackgewässer vermehren und eine Population aufbauen könnten.

Auch Thomas Schaarschmidt, Meeresbiologe am Deutschen Meeresmuseum in Stralsund, gibt Entwarnung. Ihm sei nicht bekannt, dass seit der Gründung des Museums im Jahr 1951 jemals ein toter Hai gemeldet worden sei. Für das 17. Jahrhundert belegen alte Berichte jedoch einen Sensationsfund für Rostock. Eine Sturmflut spülte 1625 einen 2,15 Meter langen Heringshai in die Warnow. „Das war eine absolute Ausnahme“, erklärt Schaarschmidt. George, Fischereibiologe und Sekretär der Deutschen Elasmobranchier-Gesellschaft (Elasmobranchii = Haie und Rochen), geht allerdings davon aus, dass Dornhaie, die immerhin eine Länge von 1,20 Meter erreichen können, noch im 19. Jahrhundert in Einzelexemplaren bis hin zur Ostküste Rügens vorkamen. Der Rückgang der Haie sei vermutlich im abnehmenden Salzgehalt der Ostsee zu begründen.

Einig sind sich die Wissenschaftler zusammen mit der Shark Alliance, dass die hochkomplexen und intelligenten Tiere strenger geschützt werden müssen. Der im Nordatlantik und in Nordsee beheimatete Dornhai, der als Schillerlocken oder Seeaal auf dem menschlichen Speiseplan steht, müsse einem strengen Fangverbot unterliegen, fordert George. Die Anlandungen seien seit Mitte der 1980er Jahre deutlich zurückgegangen. Dies sei ein deutliches Indiz dafür, dass die Tiere sich nicht mehr ausreichend reproduzieren können. Anders als Knochenfische, wie Heringe, Dorsch oder Flunder, die pro Jahr tausende Eier legen, gebären die zu den Knorpelfischen gehörenden Haie ihre Jungen lebend und legen nur wenige Eier, wie George erklärt. Die Tragzeit eines Dornhais betrage 18 bis 22 Monate. Ein Dornhaiweibchen werde erst mit rund 12 Jahren geschlechtsreif. Umso tragischer sei es, wenn ein Hai als Beifang im Netz eines Fischers lande. „Haie müssen nicht auf dem Speiseplan stehen“, sagt auch Thomas Schaarschmidt.

Welch dramatischen Folgen der weltweite Haifang hat, dokumentiert die seit Freitag im Meeresmuseum Stralsund zu sehende Ausstellung „Haie - gejagte Jäger“. Rund 100 Millionen Tiere - rund 800 000 Tonnen - würden internationalen Schätzungen zufolge jährlich durch Fischerei getötet, sagt der Präsident der schweizerischen Hai- Stiftung, Alexander Godknecht. Besonders das „Finning“, das Abschneiden der Flossen oft noch bei lebendigem Leib, sei zu verurteilen. Der Rumpf des Hais werde dann als überflüssiger Ballast über Bord geworfen. Die Haiflossen, die zwar nur rund 14 Prozent des Gesamtgewichtes eines Hais ausmachen, brächten auf den internationalen Märkten mehr Geld als das Haifleisch.

Die von der Stiftung zusammengetragenen Daten belegen zudem, dass der Hai nicht das blutrünstige Monster ist, das es auf Menschen abgesehen hat. Nach Angaben der Stiftung sterben jährlich weltweit im Schnitt sechs Badende bei Haiattacken. 54 Menschen werden demnach durchschnittlich pro Jahr verletzt. „Die Wahrscheinlichkeit ist höher, von einer Kokosnuss erschlagen als von einem Hai getötet zu werden“, erklärt Godknecht. Der Mensch stelle für den Hai eine wesentlich größere Bedrohung dar als umgekehrt. Inzwischen gelten 200 der 500 verschiedenen Arten als gefährdet und stehen auf der Roten Liste der bedrohten Arten.

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