Gurtmuffel aus dem Verkehr gezogen - An acht verschiedenen Standorten und mit mobilen Einsatzteams kontrollierte die Polizei die Autofahrer

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08. September 2008, 07:15 Uhr

Schwerin - Gurtmuffel haben jede Menge Ausreden. Polizeikommissar Stephan Grabbert kennt sie (fast) alle. Die Palette reicht von flirten über drohen bis zur Flucht, von „vergessen“ bis „nur kurz um die Ecke gefahren“. Um den Zugführer der Bereitschaftspolizei heute noch zu beeindrucken, müssen sich die Autofahrer etwas anderes einfallen lassen. Bei der Großkontrolle am Montag von 13 bis 19 Uhr schaffte das keiner. Stephan Grabbert konnte souverän freundlich bleiben und trotzdem jede Menge Bußgeldzettel verteilen.

Aber: „Mal sehen, was noch nachkommt“, sagt er. „Diejenigen, die einen noch vom Auto aus anschreiben, melden sich später meistens nicht. Aber viele von denen, die nur schweigend ihren Zettel in Empfang nehmen, schalten gleich hinterher den Anwalt ein.“ Schlimmstenfalls kommt der Fall vor Gericht. Für die Beamten bedeutet das, als Zeuge vor Gericht auszusagen – noch mehr Zeitverlust in einem Beruf, der ohnehin mit Überstunden und Arbeit mehr als gut gefüllt ist.

Mehr als 50 Beamte aus Schwerin, Parchim, Ludwigslust und Wismar waren am Montagnachmittag mit bei der länderübergreifenden Großkontrolle im Einsatz, die sich diesmal vor allem auf die Anschnallpflicht konzentrierte. Natürlich wurden auch Geschwindigkeiten gemessen, Fahrzeuge ganz allgemein kontrolliert und Handy-Sünder herausgewunken.

An acht verschiedenen, festen Kontrollstellen hatte Einsatzleiter Klaus Borchert die Beamten von 13 bis 19 Uhr postiert. Zwei Teams waren mobil unterwegs. Unter ihnen: Zugführer Stephan Grabbert und Polizeimeister Mathias Klehm. Beide haben mittlerweile ein gutes Auge auf die A-Säule entwickelt, an der der Anschnallgurt beginnt.

Einen jungen VW-Fahrer verfolgten sie mit ihrem grün-silbernen Polizei-Tansporter bis an die Zapfsäule. Was er beim Tanken am Montagnachmittag gespart hat, musste er jetzt an Verwarngeld berappen. 30 Euro kostet das Fahren ohne Gurt. Der junge Mann machte nur einen kurzen Versuch, sich herauszureden, dann ergab er sich einfach in das Schicksal eines erwischten Verkehrssünders. So machten es die meisten Schweriner an diesem Tag.

Dort wo die Lübecker auf die Arsenalstraße mündet, sei ein perfekter Platz, um weiterer Gurtmuffel habhaft zu werden, erklärten die beiden Beamten. Und machen es vor: In weniger als einer Stunde erwischten sie dort knapp zehn.

Und während Mathias Klehm noch Namen, Geburtstag, Adresse, Führerscheindaten, Tatort, Zeit und Vergehen auf mehrere Zettel notierte, brausten eine ganze Anzahl weiterer Gurtmuffel vorbei – und schnallten sich schnell an, als sie das Polizeiauto bemerkten. Sie hatten an diesem Nachmittag schlicht Glück.

Die Kontrollierten nutzten die Wartezeit mit leicht verkniffener Mine zur Zigarettenpause oder zum stillen Ärgern. So wie ein 16-Jähriger, der das erste Verwarngeld in seinem jungen Leben bezahlen durfte, weil er als Beifahrer unangeschnallt unterwegs war. Wäre er noch drei Jahre jünger gewesen, wäre das sogar den Fahrer teuer zu stehen gekommen.

Die sind nämlich dafür verantwortlich, dass Kinder bis 14 Jahre den Gurt benutzen. Eine Dreingabe zum regulären Verwarngeld von 30 Euro erwartet auch ein junges Paar, das den Gurt sogar hinter den Sitzen festgemacht hatte. „Das ist klarer Vorsatz“, so Stephan Grabbert. In so einem Fall könne die Bußgeldstelle noch 10 bis 20 Euro draufschlagen.

„Wenn man hier Kontrollen in ganzer Besetzung durchführen würde, also mit mindestens zwei Teams, könnten wir in zwei Stunden gut drei Verwarngeld-Blöcke voll bekommen“, schätzt Stephan Grabbert.
Insgesamt würden noch zu viele Autofahrer auf den Gurt verzichten. Eine risikoreiche Entscheidung. Schon bei Geschwindigkeiten von 30 Stundenkilometern kann ein Unfall ohne Anschnallen für die Fahrzeuginsassen tödlich enden.

Noch mehr Aufmerksamkeit brauchen die Kleinen. Ein falsch gesichertes Kind von fünf Jahren schleudert bei einem Aufprall aus 30 Stundenkilometern mit der Wucht von eineinhalb Tonnen Richtung Frontscheibe. Bei Seitenkollisionen oder Überschlägen besteht die Gefahr, dass sie herausgeschleudert werden und irreparabler Kopf- und Wirbelsäulenverletzungen erleiden.

Ein weiteres Vergehen, das verstärkt geahndet wurde, war das Handy am Ohr bei der Fahrt. Ausnahme: der Beifahrer hält dem Fahrer das Mobiltelefon in Hörweite. Dieser aktuelle Fall ging als menschliche Freisprechanlage durch. Weniger Glück hatte allerdings ein Mann, der von seinem Vorgesetzten angerufen wurde, als er den Firmenwagen gerade auf dem Obotritenring steuerte.

„Der Wagen hat keine Freisprechanlage und der Chef wollte mich sprechen. Was soll ich denn da machen?“ Am besten den Beifahrer telefonieren lassen – so lautet die Antwort, die Polizeikomissar Stephan Grabbert sofort in den Sinn kommt. Aber um das ausgiebig zu diskutieren, ist an diesem Tag keine Zeit.

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