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22. November 2017 | 19:16 Uhr

Tempzin : Grund sehen und Grund legen

vom

Fünfmal im Jahr lebt im Pilgerkloster Tempzin das Pastorenehepaar Anders in einer Bet-und Arbeitsgemeinschaft auf Zeit mit Menschen unterschiedlicher Konfessionen.

svz.de von
erstellt am 14.Jul.2011 | 01:58 Uhr

"Ora et labora" - bete und arbeite - ist Leitlinie vieler Klöster seit dem frühen Mittelalter und wird von Menschen unserer Tage neu entdeckt. Fünfmal im Jahr lebt im Pilgerkloster Tempzin das Pastorenehepaar Magdalene und Joachim Anders in so einer Bet-und Arbeitsgemeinschaft auf Zeit mit Menschen unterschiedlicher Konfessionen. Alles, was Menschen so mitbringen an Freude und Tatkraft, auch an Trauer und Widrigkeiten ihres Lebens, darf hier sein, wird unter den Segen Gottes gestellt. In jeder dieser Wochen entsteht Neues, werden notwendige Arbeiten im Klosterbereich fortgeführt und neue entworfen. Gerade erst waren 14 Frauen und Männer in Tempzin, aus Berlin, Münster und Hamburg, aus Neuß und Mölln, aus Schwerin, Brüel und Schönlage und anderen Orten. In wechselnder Zusammensetzung, denn nicht jeder kann eine ganze Woche bleiben, doch so lange, wie Beruf oder andere ehrenamtliche Tätigkeiten es zulassen.

Dabei werden so manche Talente und Fähigkeiten genutzt, die im normalen Alltag kaum zur Anwendung kommen - Beton mischen von Hand, Steine klopfen, Rasen mähen, den Segen der Erde im Pflücken von Johannis- und Stachelbeeren spüren, Unkraut jäten, die Linden von ihren "Rockschößen" befreien. Die Arbeiten werden täglich zugeteilt, je nach Alter, Kraft und Belastbarkeit. Das Essen wird als Selbstversorger zubereitet. Am liebevoll gedeckten Tisch in großer Runde schmeckt es vorzüglich, besonders denen, die sonst zu Hause ihre Mahlzeiten alleine einnehmen. Dabei duften die Teilnehmer dieses Mal auch erleben, wie der Nachwuchs eines Falken - zwei zu Beginn der Woche noch puschelige Küken - sich auf dem Fenstersims des Warmhauses in luftiger Höhe zu kräftigen Jungvögeln mausert.

Alle Arbeiten dieser Woche, von den kleinsten bis zu den beiden großen - der Freilegung des Klosterbrunnens und der Fundamentlegung einer neuen, kleinen Kapelle - könnten überschrieben werden mit "Grund sehen und Grund legen". Der Klosterbrunnen, mehr als meterdick zugeschüttet durch in Nachkriegsjahrzehnten achtlos hineingeworfene Gegenstände und Schlamm, soll wieder sprudeln - Wasserquelle werden für alle, die dürstet: Vorübergehende, Pilger, Dorfbewohner. Vielleicht dürfen Menschen so wieder erfahren, dass diese Quelle, von den Antonitermönchen zur Heilung von Kranken genutzt, nicht nur ihren physischen Durst löschen kann.

Menschen, die nach Tempzin kommen, haben Sehnsucht nach Stille und Intimität im Glauben, nach Zwiesprache mit sich und Gott, nach dem Dialog mit anderen Menschen. Der weite Sakralraum der Kirche wird dieser Sehnsucht nur sehr bedingt gerecht. Auch kann man so eine Kirche kaum Tag und Nacht geöffnet halten. Deshalb entsteht in der verlängerten Achse des Brunnens zur rechten Seite der Kirche eine Kapelle für alle Andacht Suchenden, entworfen vom Schweriner Architekten Kurt-Wido Borchardt.

In den viermal täglich stattfindenden Tagzeitgebeten, von Joachim und Magdalene Anders geleitet, sprechen die Teilnehmer Fürbitten und Dank aus für Schutz und Hilfe bei den geleisteten Arbeiten und bitten um Segen.

Am Ende der Woche sind die Schlammschichten aus dem Brunnen geschaufelt, der Betonboden glänzt in nackter Schönheit und wartet auf die nächsten Helfer, die das Werk fortsetzen. Die Linden atmen wieder, Blumen- und Kräuterbeete grüßen zurück, den Brennnesseln wurde der Garaus gemacht. In der Kapelle ist das Fundament für den Altarraum gelegt. Seine drei Bögen sind ausgeschachtet. In einer schlichten Andacht durch Joachim Anders hat der Architekt die in einer versiegelten Rolle aufbewahrten Dokumente der Grundsteinlegung in den frischen, weichen Beton gelegt und seine Bitten um Segen für diesen Ort ausgesprochen.

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