Größte Presse-Blamage aller Zeiten

Es sollte der Knüller des Jahrhunderts werden, und es wurde auch eine Mediensensation, als das Magazin „Stern“ heute vor 25 Jahren fett titelte: „Hitlers Tagebücher entdeckt“. Man müsse die Geschichte des Nazi-Regimes umschreiben, tönte der Chefredakteur. Umschreiben musste dann aber nur der „Stern“ – Die Aufzeichnungen des „Führers“ sind Fälschungen, schlechte noch dazu. Der Verlag hat Millionen in den Sand gesetzt. Spannend ist die Geschichte um Gier, blinde Sensationslust und sehr viel Geld aber heute noch.

von
24. April 2008, 08:29 Uhr

Hamburg - Adolf Hitler, Völkerschlächter, „Führer“ und Schöpfer des Zweiten Weltkrieges. Am Ende: ein zitternder Wüterich im Bunker und Selbstmörder. Was dachte das Ungeheuer wirklich? Der „Stern“ glaubte es vor 25 Jahren ganz genau zu wissen: „Hitlers Tagebücher entdeckt“ titelt das Hamburger Magazin am 25. April 1983. Aus dunklen Quellen hat Star-Reporter Gerd Heidemann sie aufgetrieben. Aber das Magazin liegt völlig falsch. Am 6. Mai meldet die Nachrichtenagentur Associated Press: Tagebücher als Fälschung entlarvt. Der Jahrhundert-Knüller wird zur größten Blamage aller Zeiten. Henri Nannen, Stern-Gründer, drei Jahrzehnte Chefredakteur und damals gerade auf den Herausgeber-Sessel gewechselt, kocht vor Wut. Er greift zum Telefon, ruft einen unbeteiligten Ressortleiter an – Michael Seufert. Auftrag: Aufklärung, „ohne Ansehen der Person“. Seufert hat zum 25-jährigen Jubiläum der Blamage seine Rechercheergebnisse in Buchform zusammengefasst. „Vor fünf Jahren stand zu dem Thema so viel Blödsinn in den Zeitungen. Ich finde es unerträglich, wie sich beispielsweise Heidemann darstellt. Deshalb dachte ich: Wenn ein Buch, dann zur 25. Wiederkehr“, erklärt er.

Wirkliche Recherche erst nach dem Skandal
1983 fand Seuferts Team die Puzzlestücke zu einem erschreckenden Bild. „Man hat einfach daran glauben wollen – das zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte“, sagt Michael Seufert. Und: „Es war eine programmierte Katastrophe.“ Seuferts Buch liest sich wie ein Drama. Hauptakteure: Reporter Gerd Heidemann, dessen Ressortleiter Thomas Walde, die Verlagschefs.

Heidemann ist Dreh- und Angelpunkt. Er ist damals seit fast einem Vierteljahrhundert beim Stern, bekannt als hartnäckiger Rechercheur, als Reporter preisgekrönt. Er kennt die Szene der alten Nazis – zwei ehemalige SS-Generale waren seine Trauzeugen – und NS-Devotionalienhändlern, ist selbst Sammler. Sein Prachtstück: Hermann Görings ehemalige Luxusyacht, die „Carin II“. Das Schiff hat ihm aber auch eine Menge Schulden eingebracht. Als Heidemann 1980 bei einem Sammler ein angebliches Hitler-Tagebuch sehen darf, wittert er die Sensation – und Geld. Beim Stern erntet er zuerst Ablehnung. Hitlers Tagebücher seien ein Mythos, sagt ein Kollege, selbst Historiker.

Erst 1981 nimmt das Thema wieder Fahrt auf: Seufert beschreibt, wie Heidemann schließlich Kontakt zum angeblichen Tagebuch-Besitzer „Fischer“ bekommt. Der Mann heißt – Konrad Kujau. Er fälscht schon seit Jahren NS-Dokumente, die Sammler zahlen gut, er lebt bestens davon. Aber ja, die Tagebücher seien zu haben. Heidemann findet Gehör bei Zeitgeschichte-Ressortleiter Walde, beide gehen zu den Verlagschefs. „Die hätten sie achtkantig rausschmeißen müssen“, sagt Michael Seufert heute. Denn: Entscheidungen über brisante Recherchen und redaktionelle Inhalte sind allein Sache der Stern-Chefredakteure.

Aber die Verlagsleitung steigt auf Heidemanns wilde Geschichte ein: 1945 seien Hitlers Tagebücher aus Berlin ausgeflogen worden, die Maschine sei im Erzgebirge abgestürzt, Bauern hätten die Dokumente geborgen, man könne das Material kaufen. Heidemann bekommt per Vertrag zugesichert, seine Quelle nicht benennen zu müssen und mit Walde allein bestimmen zu dürfen, ob und welche Historiker die Schriften prüfen dürfen. 200 000 Mark für den ersten Tagebuch-Deal reicht die Verlagsleitung sofort bar über den Tisch, 9,34 Millionen wird Gruner & Jahr Heidemann schließlich für 60 Kladden in die Hand gedrückt haben.

Alle Kontrollmechanismen außer Kraft gesetzt
Michael Seufert kann es heute noch nicht fassen: „Ich war damals seit 13 Jahren beim Stern und hatte so ein Vorgehen noch nie erlebt.“ Alle journalistischen Kontrollmechanismen seien außer Kraft gesetzt worden. Außerdem bekam Heidemann ebenso wie Walde vom Verlag vertraglich zugesichert, am wirtschaftlichen Erfolg der publizistischen Verwertung beteiligt zu werden. Seufert: „Er konnte damit rechnen, ein reicher Mann zu werden.“ Angesichts der Schulden des Reporters sei der Interessenkonflikt offensichtlich: Jede Nachrecherche gefährdet nicht nur die Story, sondern die eigene Existenz. Da Kujau keine Quittungen ausstellen muss, kann niemand kontrollieren, wie viel von den Millionen bei dem Tagebuch-Verkäufer ankommt. Das Gericht urteilt 1985, Heidemann habe eine beträchtliche Summe für sich abgezweigt – mehr als vier Millionen Mark.

Niemand hinterfragt Heidemann. Nicht einmal der Reporter selbst fühlt „Fischer“ auf den Zahn, wie es journalistische Pflicht gewesen wäre. „Eine Nachfrage bei der Polizei in Stuttgart hätte ergeben: Fischer heißt Kujau und ist alles andere als vertrauenswürdig“, betont Seufert. Auch „Fischers“ wüste Legende macht Heidemann nicht misstrauisch: Kujau/Fischer behauptet, er bekomme die Tagebücher von seinem Bruder, General in der DDR, der Handel mit den 1945 geborgenen Dokumenten betreibe. Ach? Ein Mann, der es trotz einem Bruder im Westen zum NVA-General gebracht hat? Der Dokumente schmuggelt, ohne dass die Kollegen von der Stasi es merken? Ganz ohne Echtheitsprüfung wollen Walde, die Verlagsbosse, die seit Mai 1981 informierten Chefredakteure und auch Heidemann den Coup aber nicht riskieren. Vergleichsmaterial bestellt Heidemann bei „Fischer“. Die Experten vergleichen Fälschungen mit Fälschungen.

Rund ein Jahr vor der Bekanntgabe der vermeintlichen Sensation hatten die Tagebuch-Jäger Kontakt zum Bundesarchiv in Koblenz aufgenommen. Dr. Josef Henke, damals dort für NS-Schriftgut zuständig, erinnert sich: Von Tagebüchern sei anfangs nicht die Rede, nur von „Recherchen zum England-Flug des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß.“ Drei Originalmanuskripte lagen dem Bundesarchiv schließlich vor und eine Fotokopie. „Nur dieses letzte Stück stammte, was wir nicht wussten, aus den Tagebüchern“, sagt Dr. Henke.

Gutachter durften „Tagebücher“ erst spät sehen
Ein erstes Gutachten des Landeskriminalamtes Rheinland-Pfalz ergab am 25. Mai 1982: Höchstwahrscheinlich ist es die Handschrift Hitlers. Dr. Henke betont: „Hätte man uns gesagt, es handelt sich um eine Tagebuch-Reihe, dann hätten wir ganz anders herangehen müssen. Hitler war nicht der Typ, Tagebuch zu schreiben. Und wenn er es getan hätte, dann dürfte man mehr erwarten als Banalitäten über Mundgeruch“, sagt Experte Dr. Henke: „Man wäre bei so einer Analyse der Fälschung schnell auf die Spur gekommen.“ Kujau, aus dessen Feder jede Zeile der Hitler-Tagebücher stammt, hat nämlich unter Zeitdruck – jedes Tagbuch, das liefert, muss er erst schreiben – Text aus der Fachliteratur übernommen, samt Fehlern. Kujau machte etwa aus einem Glückwunschtelegramm Hitlers im August 1937 an den General von Epp zum 50-jährigen Dienstjubiläum einen Glückwunsch des Generals an Hitler zu dessen 50. Armee-Jubiläum. Hitler war 48 Jahre alt

„Kujau war kein Profi-Fälscher“, sagt Dr. Josef Henke heute. Hinweise, dass sie im Begriff sind, eine monströsen Blamage zu kassieren, erreichten die Eingeweihten in der Stern-Redaktion nach und nach. Sie dringen nicht durch. Mittlerweile sind die Chefredakteure, Nannen und eine Handvoll weitere Personen eingeweiht. Die Veröffentlichung soll am 25. April 1983 beginnen, die Auflage wird satt aufgestockt, auf 2,32 Millionen Hefte, so viele wie nie zuvor. Kurz vor der großen Pressekonferenz trifft ein weiteres Gutachten ein: Ein Blatt Papier enthält Nachkriegs-Chemikalien. Krisensitzung, aber die Druckmaschinen laufen schon. „Alle Zweifel in den Wind geschlagen, Bunkermentalität“, so bewertet Michael Seufert im Rückblick. Die Pressekonferenz mit den Tagebüchern und dem druckfrischen Stern-Titel am 25. April 1983 macht Sensation, stolz posiert Heidemann mit den angeblichen Hitler-Werken. Die als Zeugen geladenen Historiker geben sich allerdings weniger sicher als vom Stern erhofft. Auch Dr. Josef Henke ist bei der Pressekonferenz anwesend. Er bekommt jetzt erstmals ganze Original-Tagebücher in die Hand. Jetzt beginnt die ernsthafte Prüfung.

Der Stern-Knüller beherrscht unterdessen die Medien. In der Redaktion wird diskutiert. Kennern fallen Ungereimtheiten auf. Tagebücher ohne Korrekturen, von einem Wüterich wie Hitler? „Unser Führer verschreibt sich nicht“, witzelt Walde laut Seuferts Buch. „Aber wir Unbeteiligten waren doch sicher: Wenn der Stern so eine Geschichte macht, ist sie wasserdicht“, sagt Seufert heute. Harte Recherche, doppelt- und dreifaches Überprüfen aller Fakten – so ist es Standard bei dem Magazin.

Am 5. Mai erscheint der zweite Teil. Am Tag darauf, bei der Heftkritik-Runde, tobt die Diskussion. Bedenken wischt Felix Schmidt, einer der Chefredakteure vom Tisch: Zwar sei nicht „AH“ wie „Adolf Hitler“, sondern ein „FH“ auf den Einband eines Exemplars geklebt – aber darüber habe sich schon der Führer aufgeregt.

Alles gefälscht – Ruf des Blattes auf Jahre ruiniert
Dann platzt die Bombe der Gutachter. Eine Fälschung. Das Papier – voller Nachkriegs-Aufhellerchemie. Die Siegelkordel – aus Nachkriegs-Kunstfaser. Die Tinte – Nachkriegsware, teilweise erst vor einem Jahr zu Papier gebracht. Der Text – eine nachlässige Abkupferung aus Max Domarus Standardwerk „Hitler. Reden und Proklamationen“. Alles nicht älter als zwei Jahre. Schnelle Arbeit auf Bestellung eben. Der „Stern“ hat seine Sensation – nur ganz anders als gedacht.

Gerd Heidemann bleibt nach der Enthüllung bei seiner wüsten Legende, fühlt sich bis heute als Opfer. Er bekommt später vom Hamburger Landgericht vier Jahre und acht Monate wegen Betrug. Geld auf die Seite gebracht haben will er nicht, das Gericht sieht es anders. Kujau bekommt viereinhalb Jahre und wird zum Medienstar. Er stirbt im Jahr 2000 an Krebs. Beim Stern rollen Köpfe: Zwei der drei Chefredakteure werden abgelöst. Jahrelang hängt die Blamage dem Blatt nach: „Nach jeder Enthüllungsstory hieß es später erst: Naja, wohl wieder wie bei den Tagebüchern“, sagt Michael Seufert.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen