Glückspilz der Lüfte

Als Stephan Wulf (26) aus 1500 Meter Höhe über Neustadt-Glewe, bei bestem Wetter und gut vorbereitet aus dem Flugzeug springt, passiert das Unglück: Er zieht versehentlich den falschen Griff, sein Fallschirm löst sich und fliegt ohne den Zeitsoldaten aus Karstädt weiter.

von
09. Juni 2008, 08:36 Uhr

Neustadt-Glewe - Heute kann Stephan Wulf über den bisher aufregendsten Fallschirmflug seines Lebens lachen. Der Karstädter ist seit einem Tandem-Flug mit seiner Freundin begeisterter Fan des freien Falls. Sein Ziel: Die Fallschirm-Lizenz machen, um unabhängig zu springen. Doch während einer Übung geschah das Missgeschick: Die Sonne scheint über den großen Neustädter Flugplatz. „Ideale Bedingungen“, sagt Sprunglehrer Matthias Metelmann.

Auch Stephan Wulf sitzt in der „Cesna“ seiner Fallschirmschule. Für den 26-Jährigen ist es der vierte Sprung während seiner Ausbildung. Er schwebt mit 675 Pferdestärken in den blauen Himmel über den Flugplatz. Die Anspannung, aber auch die Freude bei Stephan Wulf. Mit jedem Meter, den das Flugzeug an Höhe gewinnt, steigt auch der Adrenalinspiegel des Sprungschülers. Er sitzt entgegen der Flugrichtung, hinter ihm sein Lehrer.

Dann ist die Flughöhe von 1500 Meter erreicht, die Sprungluke geöffnet. Jetzt sind es nur noch Sekunden. Die Beine baumeln aus dem Flugzeug, der Flugwind drückt ihn in die Maschine, doch ein kleiner Ruck und er ist in der Luft, fliegt über Neustadt-Glewe. „Das ist ein wahnsinniges Gefühl“, schwärmt er.

Doch dieses Mal geht etwas schief. Eigentlich sollte er sofort nach dem Sprung ein Hohlkreuz machen – die beste und stabilste Position für die Entfaltung des Fallschirms und die einzige Chance, um sicher die Reißleine zu ziehen. Doch statt dessen beugt er sich nach vorne, macht einen Buckel, zieht den falschen Griff. Mittlerweile sind drei Sekunden vergangen. Er rast mit 200 Kilometer pro Stunde auf den Boden zu, schaut nach oben zum Flugzeug, in den Himmel und sieht, wie sich sein Fallschirm öffnet. Nur leider ohne ihn. Statt ihn zu öffnen, hatte er ihn abgetrennt. „Da wurde mir ganz komisch“, sagt Stephan heute.

Eine Sekunde später schon öffnet sich ein Notfallschirm, „die zweite Kappe“, wie sie die Fallschirmspringer nennen. An diesem Tag Stephans Lebensversicherung.
Während er ruhig gen Boden gleitet, schwebt sein abgetrennter Fallschirm in Richtung der nahe gelegenen Elde. Ein Freizeitkapitän sieht, wie der Schirm in den Elde-Wiesen landet und alarmiert sofort die Polizei, Krankenwagen und Feuerwehr – er befürchtete einen Absturz. Nach nur ein paar Minuten treffen die Einsatzkräfte ein. Zur Erleichterung aller, umsonst. „Schon toll, wie schnell die Einsatzkräfte vor Ort waren. Das gibt einen ein gutes Gefühl, wenn wirklich mal etwas passiert“, sagt Stephan.

„Eigentlich war die Situation gar nicht so schlimm“, beruhigt sein Lehrer. Alle 700 Sprünge käme so etwas vor, doch die heutigen Sicherheitsvorschriften seien sehr gut, sagt Matthias Metelmann. Das gefährlichste sei noch nicht einmal der Flug, sondern die Landung. Hier passierten schon öfter kleine Unglücke. Doch diese Landung meisterte Stephan sehr gut, lobt ihn sein Lehrer.

Stephan konnte dieses Missgeschick übrigens nicht aus der Bahn werfen. Er stieg noch am gleichen Tag zu einem weiteren Sprung in den Neustädter Himmel auf – „dieses Mal ohne Komplikationen“.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen