Glücklich in der "arschlochfreien Zone"

 <strong>Dieter Moor</strong> fühlt sich in seinem Hirschfelde wohl. <foto> Gitta Dietrich</foto>
Dieter Moor fühlt sich in seinem Hirschfelde wohl. Gitta Dietrich

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11. Juli 2010, 07:34 Uhr

Potsdam/Hirschfelde | Der typische Schweizer ist pünktlich, trägt Zwirn und Kragen und weiß sich in jeder Situation korrekt zu benehmen. Pünktlich ist der Schweizer Autor und Moderator Dieter Moor an diesem Tag nicht. Bereits seit zwanzig Minuten überfällig, erscheint er leger in Jeans und Parka. Moor ist ein entspannter Zeitgenosse. Vielleicht liegt es an seinem Hirschfelde. Ein Dorf im Barnimer Land. Seit mehr als sechs Jahren der Lebensmittelpunkt von ihm und Ehefrau Sonja.

Sein adrettes Heidi-Häuschen in den idyllischen Schweizer Bergen hat er damals aus freien Stücken eingetauscht für einen "Kranke-Hunde-Kackfarbenen" Hof, dem "wohl hässlichsten" der Gegend, wie er selbst schreibt. An einem ehemaligen Militärflughafen gelegen, vis-à-vis das hochfrequentierte Vereinshaus des ansässigen Fußballclubs. Äußerst gewöhnungsbedürftig für den Mann aus der heilen Alpenwelt.

Das bescheidene Ziel des Medien-Paars: ein kleiner, aber feiner landwirtschaftlicher Betrieb. Mit im Gepäck: ein paar Katzen, Esel, Enten und ein Pferd. Moors Buch "Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone" - über sein Leben als Eidgenosse unter Flachlandtirolern - ist die Bestsellerliste in den vergangenen Monaten bis auf Platz vier geklettert. Seine Lesungen, wie an diesem Tag im Potsdamer Waschhaus, ausverkauft.

Im Buch verschmelzen seine Hirschfelder im fiktiven Ort "Amerika" zu Unikaten mit Brandenburger Schnauze. Da gibt es die resolute Dorfladen-Vorsteherin Frau Widdel mit Gesundheitsschuhen und Polyester-Kittel, welche dem zugereisten Moor nach dem Motto "Hamm wa nich" die Frischmilch verweigert, den überzeugten Alt-Single Teddy oder den allzeit hilfsbereiten Bauer Müsebeck mit ledernem "Honegger-Hütchen". "Ich fand es lustig von Amerikanern zu sprechen, weil deren Bild ganz anders ist, als das von Brandenburgern", so Moor.

Land und Leute hat er ins Herz geschlossen. "Das klingt bestimmt anbiedernd, aber mir fällt nichts ein, was mir nicht gefällt", grübelt Moor. "Die Hirschfelder sind offen, ehrlich und geradlinig. Ich mag es, wenn ich gesagt bekomme, was ich wieder für Mist gebaut habe." Man könne mit ihnen diskutieren. "Aber dann ist auch wieder schnell jut." Für den originalen Zungenschlag in seinem Buch musste sich Moor übrigens professionelle Hilfe holen. "Das habe ich mir nicht zugetraut."

Die Eigenarten der realen Vorbilder hat er aus Rücksicht in verschiedene Figuren geflochten. Schlaflose Nächte vor der Veröffentlichung gab es für den Autor dennoch. "Ich dachte jetzt kommen die Vorwürfe. Viele beschreibe ich zwar sehr liebevoll, aber trotzdem hätten sie sich auch gekränkt fühlen können. Auf das eine oder andere Gespräch war ich schon eingestellt." Viele Hirschfelder seien jetzt sogar stolz angesichts des unverhofften Ruhms. "Jeder glaubt sich zu erkennen", erklärt der Exil-Schweizer schmunzelnd. Nur mit einem Neuen im Ort, der sich selbst in einer der Anekdoten als Wessi-Raubritter zu erkennen glaubte, musste sich Moor vor dem Erscheinen des Buches gütlich einigen.

Mit dem breiten Zuspruch hat er selbst am wenigsten gerechnet. "Das ist wie ein Glückstreffer, weil ich als Außenstehender die Leute beschreibe. Man hat noch nie einen Dartpfeil geworfen und dann Schwupps ins Schwarze." Der Grund für den Erfolg des 52-Jährigen: Sein gutes Auge für den typischen Märker. Leute, die seiner Erfahrung nach kein Blatt vor den Mund nehmen. "Sie tun etwas und sind nicht wie die Berliner, die viel reden und dann wenig zustande bekommen. Dieses Sicheinmischen, wenn etwas nicht ok ist, das habe ich schon mehr als gelernt." Dennoch blitze immer wieder der "kleine Schweizer" in ihm auf. Seine Sonja hingegen, habe sich die Direktheit aus dem Stand angeeignet.

Sie ist die Chefin auf dem mittlerweile von zwei auf 70 Hektar angewachsenen, stattlichen Demeter-Hof, mit Galloway-Rindern und Wasserbüffeln. Für den gemeinsamen Traum hat die Österreicherin von TV-Produzentin auf Landwirtin umgesattelt. "Wie meine Frau immer so schön sagt: Du machst das Heu außerhalb und ich auf der Wiese", beschreibt Moor ihr Lebenskonzept.

Während er sonntags im Hotel aufwacht und sich auf seine ARD-Sendung "Titel Thesen Temperamente" vorbereitet, ackert die Powerfrau auf dem Feld, mistet die Ställe aus und füttert mit ihrem Angestellten Heiko die Tiere - ein Knochenjob. "Sonja ist ihre eigene Herrin. Niemand redet ihr rein. Das ist ein Gefühl, das sie sehr genießt."

Dass sie als Frau allein den Hof unterhält, sei in Brandenburg kein Problem. "Hier wird weniger in Mann-Frau-Kategorien gedacht. Eine Bäuerin ist völlig normal", erklärt der Medienmann. Dennoch sei die Umstellung von Hobby-Bauer auf Landwirt nicht immer leicht gewesen. "Ich hatte am Anfang schon etwas Scheu in eine Lammkeule zu beißen. Man hält sie fast wie Haustiere und isst sie dann. Mittlerweile haben wir erkannt, dass das kein Widerspruch ist, sondern so sein muss. Wir sind überzeugte Anhänger des Lebens vor dem Tode."

Die Moors sind angekommen, im Gegensatz zu anderen. " Da gibt es auch welche, die sich beschweren, dass die Tiere nachts auf der Weide schreien. Man habe doch hier extra ein Haus gekauft, um seine Ruhe zu haben. Aber die nimmt im Ort niemand ernst."Das Paar setzt auf ein Miteinander, will etwas für die Region tun. 2006 gründeten sie den gemeinnützigen Verein Alternativen für Zukunft e. V. Gemeinsam mit Gleichgesinnten werden Projekte in der "arschlochfreien Zone" verwirklicht. "Wir kümmern uns zum Beispiel um die Erhaltung des Dorfladens oder die Instandsetzung des historischen Parks." In der Großstadt will der gebürtige Züricher nicht mehr leben. Und auch die Medienwelt ist ihm einerlei.

Moor hat keine Lust auf dem Roten Teppich zu flanieren und mit C-Promis Smalltalk zu halten. "In welches Lokal gehe ich heute oder kann ich diese Handtasche noch tragen, quasi im eigenen Saft braten. Das ist mir sehr fremd geworden", resümiert der Moderator nüchtern. Anstatt einen Urlaub in die Ferne zu planen, wird auf einen neuen Trecker gespart. Neben dem in die Jahre gekommenen Hürlimann-Traktor soll bald ein hochmodernes Landwirtschaftsgerät auf dem Moorschen Feld seine Arbeit verrichten. "Bestellt ist er schon", freut sich der Landwirt. Den Hof vergrößern und weitere Arbeitsplätze schaffen - das ist der Traum. "Da steckt so viel Herzblut drin. Wenn wir später nicht mehr können, soll der Hof in eine eigene Stiftung." Und die ganz persönliche Zukunftsvision? Als alter "Bauernsack" mit seiner Sonja auf einer Bank, vor dem dann einstmals "hässlichstem Haus" Hirschfeldes sitzen und den Lebensabend genießen.

Auf eine Entdeckungsreise durch das Land Brandenburg nimmt Dieter Moor die rbb-Zuschauer übrigens wieder ab dem 8. September mit. Seine Sendung "Bauer sucht Kultur" ist bereits seit 2008 ein Quoten-Renner. Aktuell werden vier neue Folgen, unter anderem im uckermärkischen Lychen, gedreht. "Ich mag es in der Region unterwegs zu sein. Es ist eben mein Heimatland."

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