„Gib Gas, Lü Dong!“

Die chinesische Variante des deutschen ICE 3 rast im Reich der Mitte mit bis zu Tempo 410 durch die Landschaft.
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Die chinesische Variante des deutschen ICE 3 rast im Reich der Mitte mit bis zu Tempo 410 durch die Landschaft.

China nimmt Fahrt auf. Für die Olympischen Sommerspiele im vergangenen Monat entstand die erste komplett auf Betonstelzen ruhende Hochgeschwindigkeitstrasse für ICE 3-Züge. Perspektivisch soll das gesamte Land so vernetzt werden. Die Ausbildung der ersten zwölf chinesischen Lokführer hatte ein Schweriner übernommen: Torsten Lehmkuhl. Im Reich der Mitte konnte der Ausbilder selbst den Geschwindigkeitsrausch erleben, aber auch disziplinierte Schüler, ein straff organisiertes System und große Gastfreundschaft.

svz.de von
26. September 2008, 08:52 Uhr

Wie „Lü Dong“ wirklich heißt, kann der Schweriner Torsten Lehmkuhl gar nicht sagen, obwohl der freundliche Chinese in der schmucken blauen Uniform mit den Goldtressen so etwas wie ein Star in seiner Heimat ist. Denn „Lü Dong“ saß im Cockpit am Steuer des in Deutschland bei Siemens gebauten ICE 3, der als erster Zug auf der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke „JJ-line“ die Hauptstadt Peking ansteuerte. Und Torsten Lehmkuhl hat „Lü Dong“ ausgebildet.

Den Spitznamen erhielt Chinas wohl prominentester Lokführer im Übrigen von dem Schweriner und seinem Münchner Kollegen Maximilian Hinterstoisser, weil der junge Chinese vor dem Losfahren stets „Lü Dong“ gerufen hatte. Das bedeutet „Grünes Licht“ und ist sozusagen eine verbale Aufforderung an sich selbst, Fahrt aufzunehmen. „Irgendwann hieß er dann bei uns nur noch so“, berichtet Torsten Lehmkuhl lachend.

Überhaupt hat er viele kleine Anekdoten zu erzählen über die Zeit im Reich der Mitte. „Es war richtig harte Arbeit, aber es hat auch eine Menge Spaß gemacht und ich habe viel Neues gelernt und gesehen“, sagt Lehmkuhl.

Prüfer für Lokführer und Herr am Simulator
Dabei ist der Schweriner ein alter Hase im Geschäft. Seit 1984 ist er Lokführer, seit 2001 Instruktor und Prüfer bei der Bahn-Tochter DB Training in Hamburg. Im dortigen „Kompetenzzentrum Simulatoren“ müssen die Lokführer der Bahn und können die der privaten Anbietern einmal pro Jahr zur simulierten Überwachungsfahrt antreten, um ihre Fahrerlaubnis zu behalten. Deutschlandweit betreibt die Bahn 15 solche Simulatorenstandorte. Allein in Hamburg werden in Hamburg 2500 Lokführer überprüft.

Vor fünf Jahren wurde Torsten Lehmkuhls Arbeit erstmals international. Denn im Gegensatz zur Straßenverkehrsordnung gelten auf der Schiene weltweit andere Regeln. „Wer einen Zug in einem Land führen will, braucht dafür eine entsprechende Berechtigung des jeweiligen Landes“, erklärt Lehmkuhl. Wer im Cockpit des ICE von Frankfurt/Main nach Paris sitzt, hat deutsche und französische Papiere in der Tasche. Und so bildete Lehmkuhl in den vergangenen Jahren Lokführer in der Schweiz, in Österreich und Belgien aus. Im kommenden Monat fährt er nach Russland. Dort soll er Lokführer fit machen für die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke, die zwischen Moskau und St. Petersburg entstehen soll. Zwei Jahre ist für diese Arbeit veranschlagt.

So viel Zeit gab es in China nicht. Denn hier ging es nicht um die Ausbildung der Lokführer, die chinesische Züge auf deutschen Boden steuern, auch wenn es dafür in diesem Jahr bereits die Premiere gab. Torsten Lehmkuhl sollte vielmehr mit seinem Münchner Kollegen in nur wenigen Wochen chinesische Lokführer so fit machen, dass sie den eigens für sie in Deutschland produzierten ICE 3 steuern können. Pünktlich zu den Olympischen Spielen sollte die erste Hochgeschwindigkeitstrasse in Betrieb gehen, parallel würden im chinesischen Tanshan im Siemens-Werk weitere 59 ICE 3-Züge nach chinesischen Vorstellung gebaut.

„Die Züge sind breiter, damit mehr Menschen rein passen“, erläutert Lehmkuhl. Zusätzliches Handicap: Die Bedienelemente in der Kanzel sind in China seitenverkehrt angeordnet. „Dafür mussten wir uns auch erst einmal qualifizieren.“Es klappte alles reibungslos. Im deutschen Simulatorenzentrum der Deutschen Bahn in Fulda erhielten zwölf chinesische Lokführer die Grundausbildung am ICE 3. Zum ersten Mal ging es dann im März nach China, zum zweiten Mal Ende Juni. „Dort gab es dann den Feinschliff für die chinesischen Kollegen“, sagt Lehmkuhl. Testfahrten wurden absolviert, dabei ging es auch auf die neue Schnelltrasse. „Das war ein Wahnsinnsgefühl. Auf den Betonstelzen gleitet der Zug förmlich dahin“, sagt der 44-Jährige und kommt ins Schwärmen. „Wir haben eine 140 Kilometer lange Strecke in 26 Minuten absolviert.“

Für die Chinesen wurde das schnell Normalität: Bereits während der Olympischen Spiele fuhren die Züge auf dieser Strecke im Zwei-Minuten-Takt. Planmäßig wird mit 350 Stundenkilometern gefahren. Zum Vergleich: Die schnellsten Strecken in Deutschland befinden sich zwischen Frankfurt am Main und Köln sowie zwischen München und Nürnberg. Dort brausen die Züge mit Tempo 330 durch die Landschaft.

Danke gesagt mit Gala-Diner und Besichtigungstour
Doch nicht nur der Geschwindigkeitsraum blieb Lehmkuhl in bester Erinnerung. Es war auch der Stolz zu sehen, wie „Lü Dong“ – umringt von chinesischer Prominenz – problemlos den ICE nach Peking steuerte. In kürzester Zeit waren „seine“ Chinesen Experten im deutsch-chinesischen Führerstand des Schnellzuges geworden.

Das Dankeschön der Staatsführung ließ auch nicht auf sich warten, wenn auch eher ein inoffizielles. Bereits in Deutschland hatte ein führender Mitarbeiter des chinesischen Verkehrsministeriums Lehmkuhl und Hinterstoisser einen freien Wunsch offeriert. „Wir haben uns für eine geführte Besichtigung der wichtigsten Sehenswürdigkeiten entschieden“, so Lehmkuhl. Und kurz vor ihrer Abreise rollte eine Nobelkarosse mit Chauffeur und Dolmetscher vor. Tagsüber stand ein Mammutprogramm an – von der Chinesischen Mauer bis zur Verbotenen Stadt und den Olympiabauten. Abends gab es ein Zehn-Gänge-Menü in einem der angesagtesten Restaurants der Hauptstadt.

„Dort wurden wir von 15 Chinesen empfangen, darunter der stellvertretende Verkehrsminister“, so Lehmkuhl. „Und als wir reinkamen, standen die alle auf und fingen an zu klatschen. Das war schon ein beeindruckender Moment.“ Für den Schweriner hatte sich da ausgezahlt, dass er von Bahn und Siemens zuvor mit einer Art „Business-Knigge“ ausgestattet worden war. Auch das Essen mit den Stäbchen hatten die beiden Deutschen zuvor erlernt. „Zwar gab es noch skeptische Blicke der chinesischen Abordnung, als wir dankend das Bringen von Messer und Gabel abgelehnt haben“, erinnert sich Lehmkuhl. „Dann haben sie uns sehr interessiert zugeschaut, wir wir das Essen meistern. Offenbar waren wir gut, denn es gab wieder Applaus.“ Viel Zeit in Erinnerungen zu schwelgen, bleibt dem Schweriner nicht. In dieser Woche beginnt die Vorbereitung für seine Arbeit in Russland. Am 5. Oktober geht es los.


Technologie auf Schienen


Der ICE 3 ist ein Hochgeschwindigkeits-Elektrotriebwagenzug der Deutschen Bahn AG. Mit einer zugelassenen Höchstgeschwindigkeit von 330 km/h sind sie die schnellsten Reisezüge in Deutschland. Im regulären Betrieb erreichen die Triebzüge bis zu 330 Stundenkilometer in Deutschland beziehungsweise 320 in Frankreich. In China fahren sie im Regelbetrieb mit Tempo 350.

50 von 67 Einheiten verkehren als Einsystem-Variante als Baureihe 403 in Deutschland sowie zum Bahnhof Basel SBB. 17 Einheiten, darunter vier der Nederlandse Spoorwegen, sind mehrsystemfähig und verkehren als Baureihe 406 (auch: ICE 3M) nach Amsterdam und Brüssel. Sechs dieser Züge wurden 2007 als Baureihe 406F
(auch: ICE 3MF) für grenzüberschreitenden Verkehr nach Frankreich umgerüstet.

Die 200 Meter langen Halbzüge werden aus acht Wagen gebildet und seit Juli 2000 im Reisezugbetrieb eingesetzt. Sie stellen einen Technologiesprung im ICE-Bereich dar und sind Träger zahlreicher technischer Innovationen. So sind unter anderem die ersten europäischen Hochgeschwindigkeits-Serienzüge mit Unterflurantrieb, Wirbelstrombremsen und einer „Lounge“, aus der Reisende dem Lokführer „über die Schulter“ schauen können, ausgestattet. Ein Zug kostet 210 Mio Euro.

Die erste Serie von 37 Triebzügen für den Binnenverkehr ist seit dem Jahr 2000 als
ICE 3 bei der Deutschen Bahn im planmäßigen Einsatz.
Die Züge verfügen bei Auslieferung über 141 Sitzplätze in drei Wagen der 1. Klasse sowie 250 Sitzplätze in vier Wagen der 2. Klasse. Durch den 2002 erfolgten Umbau wurde die Zahl der Sitzplätze in der 2. Klasse gesteigert, die Zahl der Plätze in der 1. Klasse reduziert.

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