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Zeitzeugenberichte in Dabel : Geschichten, die das Leben schrieb

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Ehe zu dritt oder ein uneheliches Kind - besonders die kleinen und großen Skandale, von denen Alma Kuschel einiges zu berichten weiß, sind das Salz in der Suppe bei den Leserunden im Dabeler Gemeindehaus.

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erstellt am 23.Mär.2011 | 10:41 Uhr

Ehe zu dritt, ein uneheliches Kind oder seltsame Verhältnisse zwischen Geschwistern - besonders die kleinen und großen Skandale, von denen Alma Kuschel (87) einiges zu berichten weiß, sind das Salz in der Suppe bei den Leserunden im Dabeler Gemeindehaus. An sechs Terminen im Jahr treffen sich Zeitzeugen zu den "Geschichten, die das Leben schrieb". Zu Papier gebracht von Alma Kuschel, animieren besonders die unerhörten und ungewöhnlichen Begebenheiten zu regen Diskussionen. Neben den pikanten Details hinter so manchem Hoftor zeichnen die Geschichten einen lebendigen Eindruck vom Landleben in Mecklenburg und Pommern vor 60, 50 und 40 Jahren. Die Geschichten des Ortes selbst und seiner Entwicklung sind von besonderem Interesse.

Erinnerungen an die Jugend

"Immer eine warme Wohnung und genügend zu essen, das kannte ich in meiner Jugend nicht", sagt Irene Jacobs. Das Leben auf dem Lande war sehr hart und durch einen entbehrungsreichen Alltag geprägt. Manches Mädchen musste mit 12 als Hausmagd weit von zu Hause weg dienen. Nur mit Holzpantinen, Hauskleid und Tuch bekleidet, hieß es bei jedem Wetter morgens um fünf aufstehen und die Öfen heizen. Wenn der Hof nicht groß genug war und alle ernährte, mussten die Söhne des Hauses in die Ferne schweifen und als Knechte arbeiten. Und auch an eine Liebesheirat war für viele Bauern und Landarbeiter nicht zu denken: Wichtig war es, eine gute Partie zu machen, weiß Alma Kuschel.

Die Teilnehmer berichten offen von ihrem Leben. Erstaunlich: Trotz all der Annehmlichkeiten der heutigen Zeit, möchte kaum einer diese Zeit missen. "Das war eben unsere Jugend und so war unser Leben." sagt Renate Koch ganz unsentimental. "Ich erinnere mich gern daran."

Mittlerweile sind die winterlichen Treffen, die dreimal monatlich vor und nach Weihnachten stattfinden, ein fester Bestandteil der Seniorengemeinde in Dabel. Ingrid Kuhlmann, Leiterin der Gruppe, zieht nach drei Jahren Zwischenbilanz: Die Leserunde ist gut angenommen worden. Sie könne fast immer mit 15 Personen rechnen. "Ich freue mich über mehr Zeitzeugenberichte und lade alle Interessierten ein, sich uns anzuschließen. Wenn keiner mehr solche Geschichten erzählt und aufschreibt, dann wird das Landleben, wie es einmal war, aus dem Gedächtnis der Mecklenburger verschwinden. Geschichte ist lebendige Erinnerung," weiß Ingrid Kuhlmann, die einst neben Musik auch Geschichte an der Humboldt-Uni studiert hat. Geschichte soll und muss auch über die Lebensspanne der Zeitzeugen hinaus für die Nachwelt erhalten bleiben, so das Anliegen dieser Veranstaltung.


Federball und Platenkuchen

"Im Winter wurde eine große Stube leer geräumt,. Verwandte, Nachbarsfrauen, junge Mädchen und natürlich wir Kinder trafen uns dann in geselliger Runde zum ,Federball, dem Federnrupfen. Dann gab es wieder neue Daunenbetten. Frischer Platenkuchen beendete solch einen fröhlichen Abend, der auch immer mit viel interessanten Geschichten gespickt war", erinnert sich Ingrid Kuhlmann.

"Tätigkeiten, die im Alltag das Landleben bestimmten, können sich viele junge Leute heute kaum vorstellen. So wurde im Sommer jeden Morgen das Vieh auf dem so genannten Sommerweg, der als Sandweg die gepflasterte Straße begleitete, auf die Weide getrieben." Immer begleitete fröhlicher Gesang die Arbeit. Fröhlich und mit viel Gesang ging es fast bei jeder Arbeit zu. So fiel sie nicht sehr schwer und die Zeit verging wie im Fluge. Wenn dann so eine Superrübenernte war, wurde auch schon mal der Fotoapparat mit aufs Feld genommen, um für die Nachwelt die Ernte zu dokumentieren.

Zum Nachmittag mitgebrachte Fotos zeigen Frauen beim Wäschebleichen, einen Hochzeitszug, einen Ritt auf einem Schwein oder eine Brotzeit am Feldrand.


Umsiedlung, Flucht, Vertreibung

Zu den Lebenserinnerungen der älteren Generation gehört auch dieses schreckliche Kapitel. So schildert Gertrud Bauer mit bewegten Worten die Vertreibung ihrer Familie im Sommer 1945 aus dem damaligen "Reichsprotektorat Böhmen und Mähren". Kein einziges Foto konnte gerettet werden. Unschuldige Menschen mussten für den Krieg bezahlen. Eine der anderen Frauen berichtet von der Umsiedlung aus Königsberg mit nur einem Koffer Sommersachen. So etwas darf nicht wieder geschehen sind sich alle einig und dass es gut ist, dass man jetzt darüber sprechen kann.

"Diese Veranstaltung lebt durch jeden einzelnen Beitrag", so Ingrid Kuhlmann. Sie lädt herzlich zum Mitmachen ein, wenn es nach der Sommerpause, am 28. Oktober im Gemeindehaus Dabel wieder heißt "Geschichten, die das Leben schrieb".

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