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18. Dezember 2017 | 23:35 Uhr

Geschichten aus der alten Molkerei

vom

svz.de von
erstellt am 30.Mai.2010 | 09:26 Uhr

Wittenberge | Am 30. Dezember 1990 hatte Arno Lauschat ein letztes Mal die Tür zur Molkerei in Wittenberge abgeschlossen. Drei Monate zuvor war die Produktion eingestellt worden, nun gingen die Lichter endgültig aus. Am Samstag betrat der letzte Betriebsleiter nach 20 Jahren das erste Mal wieder seinen früheren Betrieb. Ein Tag der offenen Tür, zu dem die jetzige Eigentümerfamilie Gutsche einlud, machte es möglich. Mehrere hundert Interessierte stiegen wie Arno Lauschat in das Kellergewölbe hinunter, Erinnerungen tauchten auf.

Karin Stafforst kennt alle Abteilungen, arbeitete damals im Keller und in den oberen Etagen. "Erst machte ich hier meinen Teilfacharbeiter, dann den Facharbeiter, füllte Milch ab, war in der Butterei tätig", erzählt sie. Arno Lauschat kenne sie nicht, aber dafür er sie: "Sie haben mir beigebracht, wie man Milch abfüllt", sagt er und beide müssen lachen.

Das Gewölbe ist unspektakulär und zieht doch die Massen an, als ob es gelte, Roms Katakomben zu erkunden. Kartoffelkeller zur Eigenversorgung der Mitarbeiter, Luftschutz- und Waschräume gleich nebenan, Lagerraum für Käse und Salzbäder zur Käseherstellung. Im 30-Minuten-Takt schleust Jürgen Schmidt die Besucher, ausgerüstet mit Helm und Stirnlampe, durch die dunklen Räume.

Er weiß, wo die Russen hier nach 1945 Schnaps lagerten und nur aus diesem Grund ein Doppelposten den Eingang bewachte. Schmidt erinnert an die Pferdefuhrwerke, die in der 1942 in Betrieb genommenen Molkerei Milch anlieferten, später durch Lkw-Kolonnen abgelöst wurden. Schmidt erzählt vom Ausliefern der abgefüllten Milch, die im Sommer nicht selten sauer ihren Bestimmungsort erreichte. Die Besucher kleben an seinen Lippen, Köpfe nicken, längst beendete Arbeiterbiografien erwachen für kurze Zeit zum Leben.

Anita und Werner Theiß aus Wallhöfe lieferten jahrzehntelang die Mich ihrer Kühe nach Wittenberge. Zehn Kühe hielten sie auf ihrem Hof. Die erste Zeit brachten sie die Milch nach Hinzdorf, wo sie aus allen Elbdörfern gesammelt wurde, von dort kam sie anfangs noch mit dem Pferdefuhrwerk nach Wittenberge. Die Molkerei kannten sie viele Jahre lang nur noch vom Sehen, wenn sie daran vorbeifuhren. "Eine wirklich gute Idee, sie heute zu öffnen", freut sich Anita Theiß.

Arno Lauschat inspiziert alle Gebäudeteile, die für diesen Tag von Wittenberger Firmen belegt sind, die sich und ihre Produkte vorstellen. 1984 war er nach Wittenberge gekommen, arbeitete erst im technischen Bereich, wurde 1984 Produktionsleiter, kurz darauf Chef. 40 000 Liter wurden zu seiner Zeit täglich angeliefert, etwa 20 000 in Trinkflaschen abgefüllt. Einige Liter gingen in Kannen weg, zu den Abnehmern gehörte auch der Milchladen Rosin in Wittenberge. Heute arbeitet Lauschat als Abteilungsleiter in der Altmarkkäserei.

Veranstalter Armin Gutsche ist überall anzutreffen, schüttelt Hände und rät: "Unbedingt zur Führung anmelden, die nächste ist bereits ausgebucht." Bis zum späten Freitagabend haben er und seine Mitstreiter gewirbelt, damit das Gelände ansehnlich ist. Sie haben Grün angepflanzt, Sitzbänke aufgestellt. Das vordere Haus ist privat und gewerblich vermietet. Im hinteren Gebäude sollen ebenfalls Wohnungen entstehen, insgesamt sechs, sagt Gutsche. Das Gewölbe wird verfüllt, Führungen seien deshalb nur noch bis Mitte 2011 möglich. "Ich werde sie anbieten, das Interesse ist einfach riesig", sagt er und zeigt auf sein nächstes Projekt: Zwischen den Bäumen schimmert die benachbarte Villa hindurch. "Ich würde sie gern erwerben, ebenfalls sanieren." Einen entsprechenden Antrag habe er vor vier Wochen an die Stadt als Eigentümerin gestellt. "Dann wäre das Gelände zusammenhängend erschlossen und attraktiv", so Gutsche.

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