„Gentechnikfreie Region Prignitz“ - Eine Frage des Glaubens

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10. März 2008, 07:50 Uhr

Perleberg - Die bundesweite kontroverse Diskussion über die Nutzung der Grünen Gentechnik hat auch die Perleberger Stadtverordneten erfasst. Die Meinungen klaffen weit auseinander. Die Linke hatte zur Stadtverordnetenversammlung den Antrag für eine „Gentechnikfreie Region Prignitz“ eingebracht. Eine heiße Debatte deutete sich schon mit der Einwohnerfragestunde an.
Landwirt Frank Schmidt mahnte an, dass man damit gegen gängiges deutsches Recht verstoße.
Dem widersprach Bürgermeister Fred Fischer, indem er klarstellte, dass man nicht per Gesetz etwas anordne, sondern nur eine Empfehlung ausspreche an „alle auf ihrer Gemarkung wirtschaftenden Land- und Forstwirte und die Verpächter von land- und forstwirtschaftlichen Flächen, sich zur gentechnikfreien Produktion zu bekennen“.

Allen Pächtern kommunaler Flächen soll, so im Papier formuliert, der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen untersagt werden. Der Antrag der Linksfraktion wurde in den Hauptausschuss verwiesen.

Können keine Glocke über Perleberg stülpen
In dem Antrag der Linken kommt nur eine Seite zu Wort. Für mich ist und bleibt es eine Glaubensfrage – die einen glauben, Gentechnik schadet, die anderen, sie nützt dem Menschen. Ohne genetische Veränderungen würden wir heute noch als molekulare Suppe im Ozean schwimmen. Wichtig ist, dass man die künstlichen Veränderungen stets verantwortungsvoll betrachtet. Insgesamt gehört ihnen aber die Zukunft, allein aus der Erwägung heraus, die Weltbevölkerung zu versorgen. Aus dem Reisexporteur China ist beispielsweise inzwischen ein Importeur geworden.
Auf 120 Millionen Hektar werden heute weltweit genveränderte Produkte angebaut, und wir wollen eine Glocke über Perleberg stülpen.

Warum ein Risiko eingehen, wenn nicht nötig?
Weder die Vorzüge, noch die Risiken der Agro-Gentechnik sind bisher ausreichend erforscht. Warum also ein Risiko eingehen, bei dem sich Landwirte in maximale Abhängigkeit zu großen Konzernen begeben. Wir wollen keinen Zwang, aber wir wollen mit einem freiwilligen Bekenntnis schon ein Signal setzen und die Initiative, die kurz vor der Gründung steht, so unterstützen. Im Hauptausschuss wird unser Antrag nun weiter diskutiert. Und dazu werden wir uns sachkundige Vertreter einladen, sowohl Befürworter, als auch Gegner. Wir streben an, noch mehr zur Tourismusregion zu werden. Da ist es schon wichtig, dass man die Verbrauchermeinung nicht ignoriert – zirka 80 Prozent lehnen die Agro-Gentechnik ab.

Verantwortungsvoll damit umgehen
Ich stimme dem Antrag der Linken nicht zu. Sicher, man muss sehr verantwortungsvoll mit allem umgehen, was mit Gen-Technik zu tun hat, aber eben auch nicht generell alles ablehnen. Und so werde ich mich auch im Hauptausschuss äußern.
Sojaschrot und Mais werden heute schon verfüttert, und das in Größenordnungen. Und wenn ich an die Weltbevölkerung denke, wie wollen wir dafür sorgen, dass sie satt wird? Es gibt Experten, die die Agro-Gentechnik befürworten und es gibt Experten, die sie ablehnen. Gesicherte Erkenntnisse aus Langzeitstudien hat niemand. Ich bin kein Experte, aber die Landwirte, mit denen ich gesprochen habe, die sehen in der Gentechnik die Zukunft.

„Viel Heuchelei bei der ganzen Diskussion“

Die Abstimmung in der Stadtverordnetenversammlung haben wir deutlich abgelehnt. Für mich ist sehr viel Heuchelei da im Spiel. Man kann nicht auf der einen Seite genveränderte Produkte nutzen, vor allem auch in der Medizin, zum Beispiel Insulin, und auf der anderen alles ablehnen, was damit im Zusammenhang steht. Wir nehmen die Gentechnik hin, aber bitte wo anders und nicht bei uns.
Gentechnik gehört mit zur Zukunft. Was ich meine, ist, dass man durchaus mit Augenmaß und Verantwortung sich dieser Problematik widmet, sie aber nicht generell ablehnt. Milch und Milchprodukte dürften wir dann längst nicht mehr essen, denn an die Kühe wird Sojaschrot verfüttert.

„Es ist ein Bekenntnis, wir zwingen niemanden“
Der Antrag ist nun im Hauptausschuss, das heißt, wir werden darüber ausführlich diskutieren. Und dazu werden wir sicher auch kompetente Gesprächspartner hören. Als Stadt haben wir somit noch überhaupt nichts entschieden. Zudem handelt es sich lediglich um ein Bekenntnis, wir zwingen niemanden. Findet das die Zustimmung der Stadtverordneten, würde wir als Stadt für uns in Anspruch nehmen, dass unsere Flächen frei bleiben von gentechnisch veränderten Produkte. Den Land- und Forstwirten würden wir empfehlen, es gleich zu tun. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn die Empfehlung zum Beschluss wird, ist es meine Aufgabe als Bürgermeister, das mitzuteilen und umzusetzen.

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