Gentechnik: Koexistenz unmöglich

Bernd Teickner (50) bewirtschaftet einen Marktfrucht-Mutterkuh-Betrieb mit 1200 Hektar in Gumtow.Christine Hormann
Bernd Teickner (50) bewirtschaftet einen Marktfrucht-Mutterkuh-Betrieb mit 1200 Hektar in Gumtow.Christine Hormann

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26. August 2010, 10:41 Uhr

Prignitz | Die Gentechnikfreie Region Prignitz ist mit über 32 000 Hektar die größte ihrer Art in Ostdeutschland. 73 Landwirte haben sich dafür zu einem Agrarbündnis zusammengeschlossen. Wolfgang Herklotz von der Bauernzeitung sprach über dies Projekt mit Bernd Teickner, einem der Initiatoren.

Die Gentechnikfreie Region Prignitz hat weiter an Fläche zugelegt. Wo liegen noch Potenziale, wo zeichnen sich Wachstumsgrenzen ab?

Bernd Teickner: Ich sehe keinen Grund, weshalb nicht irgendwann alle Betriebe im Landkreis dem Agrarbündnis angehören sollten. Derzeit liegt unser Schwerpunkt im Südosten. In manchen Gegenden haben wir einfach noch niemanden angesprochen. Außerdem gibt es Berufskollegen, die die Gefahren der Gentechnik für die Landwirtschaft unterschätzen. Und immer auch welche, die sich nicht festlegen mögen.

Zu Ihnen gehören Betriebe unterschiedlicher Größe und Struktur. Gibt es da nicht zwangsläufig Interessenunterschiede?

Nein, nicht in dieser Sache. Unsere Betriebe sind ein Spiegelbild der Landwirtschaft hier, Durchschnittsgröße 440 ha, 90 Prozent der Flächen werden konventionell bewirtschaftet, zehn Prozent ökologisch. Von der Agrargenossenschaft bis zum Nebenerwerbsbauern ist alles vertreten. Wir haben gleich gesagt, unsere Aktion ist unabhängig von Betriebsgröße, Rechtsform, Produktionsweise oder Verbandszugehörigkeit. Uns vereint, dass wir in der Prignitz keine Gentechnik wollen.

Wie begründen Sie Ihre Ablehnung der Gentechnik?

Uns geht es darum, dass Nutzpflanzen und Nutztiere weiterhin den Landwirten gehören und nicht der Industrie. Sortenschutz und Nachbaugebühren sind bereits ein - glücklicherweise wenig erfolgreicher - Versuch, uns dieses Eigentum streitig zu machen.

Das Patent auf gentechnisch veränderte Lebewesen bedeutet eine viel größere Gefahr. Patentiert wird zwar nur das Verfahren, ein Gen zu isolieren und zu übertragen. Aber anders als bei einer Maschine kann man bei einer Pflanze die patentgeschützten Bestandteile nicht mehr entfernen. Und anders als bei einer Maschine vermehren sie sich durch Fortpflanzung. Damit vermehrt sich auch das Eigentum der Patentinhaber und ihr Anspruch, Nutzungsgebühren zu erheben. In Amerika ist die Landwirtschaft dadurch weitgehend in die Abhängigkeit einiger weniger Konzerne geraten.

Welche Aktionen hat das Bündnis in der Vergangenheit gestartet, worauf konzentrieren Sie sich gegenwärtig?

Gegenwärtig konzentrieren wir uns auf die Ernte. Letztes Jahr hatten wir einen interessanten Vortrag von Matthias Miersch, Rechtsanwalt aus Hannover, der viele Landwirte gegen die Saatgut-Treuhand vertreten hat. Diesen Winter wollen wir zu einem Bayerischen Frühstück einladen und erfahren, wie die Bauern es dort geschafft haben, die CSU auf einen harten Agrarkurs gegen Gentechnik umzulenken.

Wie reagieren die Prignitzer auf Ihre Initiative?

Überwiegend positiv. Die Umweltschützer hatten sich ja bereits vorher aus ihrer Sicht für das Thema engagiert. Kürzlich hat der Landkreis eine Erklärung verabschiedet, mit der er die Schaffung der Gentechnikfreien Region unterstützt. Für meinen Geschmack waren die Formulierungen sehr moderat, aber von der Politik darf man auch nicht zu viel erwarten.

Welche Forderungen haben Sie an die Politik?

Im Koalitionsvertrag von CSU, CDU und FDP steht drin: Wir wollen kein Patent auf Nutzpflanzen und Nutztiere. Eigentlich verlangen wir nur, dass diese Aussage konsequent umgesetzt wird. Das heißt erstens eine Änderung der EU-Biopatentrichtlinie und zweitens bis dahin ein Zulassungsstopp für gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere.

Sind die aktuellen Signale aus Brüssel nicht eher entmutigend, Stichwort transgener Mais?

Richtig, im EU-Ministerrat stimmt die Bundesregierung für neue Zulassungen und unternimmt zugleich nichts, um eine Änderung der Biopatentrichtlinie auf den Weg zu bringen. Letzten Endes ist das der Grund, weshalb überall in Deutschland Gentechnikfreie Regionen entstehen. Weil die Landwirte der Politik nicht allzu viel zutrauen, organisieren sie den Widerstand selber. Natürlich geben wir uns nicht der Illusion hin, wir könnten die Gentechnik damit aus der Welt schaffen. Aber indem wir ihre Ausbreitung unterdrücken, stärken wir unsere Eigentumsrechte an Pflanzen und Tieren. Bleibt die Gentechnik eine Randerscheinung, wird es nach derzeitigem europäischem Recht schwierig, Nutzungsgebühren durchzusetzen.

Für wie realistisch halten Sie vor diesem Hintergrund die Forderung nach Koexistenz?

Jeder Praktiker weiß, dass Koexistenz in einem offenen System nicht funktioniert. Auch dass die Konzerne nicht die Haftung für Schäden übernehmen, sondern sie auf die Landwirte abwälzen, ist ein merkwürdiges Geschäftsgebaren. Setzt sich Gentechnik durch, wären Streitigkeiten innerhalb der Landwirtschaft absehbar und die Konzerne wären fein raus.

Glauben Sie, dass die Prignitz gentechnikfrei bleibt?

Ich bin kein Hellseher. Mit Amflora und BT-Mais sind zwei produktionstechnisch und betriebswirtschaftlich nicht sehr überzeugende Anwendungen in der Pipeline, aber niemand kann vorhersagen, was noch kommt und wie es eingeführt wird. Für schwache Betriebe, die nach jedem Strohhalm greifen, stellt sich die Situation immer anders dar. Deshalb will ich nichts ausschließen. Wichtig ist: Die große Mehrheit der Landwirte in der Prignitz sieht die Gentechnik kritisch, unser Agrarbündnis wird ständig stärker. Und das stimmt mich optimistisch für die Zukunft.

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