Gen-Proteste am Feldrand

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03. April 2008, 10:45 Uhr

Für Deutschlands Saatgutfirmen gibt es kein halten mehr: Noch im April wollen der Chemiekonzern BASF und der Saatgutkonzern KWS ungeachtet massiver Kritik auf Feldern in Thulendorf nahe Rostock neu entwickelte genmanipulierte Kartoffeln und Zuckerrüben ins Feld stellen. So sollen Knollen mit einer veränderten Stärkezusammensetzung und Kartoffeln, die gegen Erreger der Kraut- und Knollenfäule resistent sind, getestet werden, teilte Britta Stellbrinck, Sprecherin der BASF-Tochter Plant Science, gestern mit. Ebenfalls in Thulendorf sollen in den nächsten vier Wochen 1000 Quadratmeter mit Zuckerrüben bestellt werden, die Herbizide tolerieren, sagte KWS-Sprecherin Sabine Michalek. „Wir stehen in den Startlöchern.“ Entsprechende Versuche hatte der Bund in dieser Woche genehmigt (wir berichteten).

Die Zuckerrüben seien bereits in Nordamerika im Einsatz und sollen jetzt für den europäischen Markt getestet werden. So sollen u. a. Wachstumsverhalten und Wechselwirkungen zu anderen Pflanzen aber auch Insekten untersucht werden. Durch den Einsatz der gentechnisch veränderten Rüben könnten die Landwirte Kosten sparen. Bei dem Versuch bestehe auf jeden Fall „keine Gefahr der Auskreuzung“ sowie der Vermischung mit herkömmlichen Zuckerrüben, versicherte Michalek. Und auch BASF versichert: Es bestehe kein Risiko für Menschen, Tiere und Umwelt.

Das kann Gentechnik-Gegner nicht überzeugen. Und so lassen Proteste nicht lange auf sich warten: Die Tests seien „wissenschaftlich unnötig und wirtschaftlich erfolglos“, lehnte Burkhard Roloff, Agrarexperte des Bundes für Umwelt und Natur (BUND), gestern in Schwerin. Es gebe bereits eine in Groß Lüswitz entwickelte konventionelle Kartoffelsorte, die gegen Krautfäule widerstandsfähig sei. Bisherige Freilandversuche hätten zudem gezeigt, dass Gen-Knollen im Freiland nicht kontrollierbar seien. Selbst Anbauauflagen können vor den gefahren offenbar nicht schützen: Bei Freilandversuchen in Hohenmocker (Kreis Demmin) als auch Zepkow (Müritzkreis) waren 2007 noch Monate nach der Ernte Gen-Kartoffeln auf dem Acker gefunden worden, die von Tieren gefressen und verschleppt worden sind, hatte der BUND ermittelt.

Während BASF bislang stets behauptet habe, die stärkeveränderten Kartoffeln auf Druck der Stärkeindustrie zu entwickeln, haben die drei großen Hersteller Emsland Stärke, Aveba Prignitz und Südstärke auf BUND-Anfrage signalisiert, keine entsprechenden Knollen zu verarbeiten. Auch hätten nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) die Verarbeiter Nord- und Südzucker die Verwendung gentechnisch veränderter Zuckerrüben ausgeschlossen. Deshalb gehe die Forschung „völlig am Markt vorbei“, kritisierte Annemarie Volling, Koordinatorin der gentechnikfreien Zonen in Deutschland den Anbauversuch. Der Gen-Zuckerrübe sei ein Resistenz-Gen gegen das Totalherbizid Roundup eingebaut, dass hochtoxisch sei und massive Schäden bei Amphibien hervorrufe und im Verdacht stehe, grundwassergefährdend zu sein, erklärte AbL-Bundeschef Georg Janßen.
Sicher scheinen sich die Gen-Forscher indes nicht zu seien: Aus Angst vor Protesten lässt z. B. KWS den Rübenschlag einzäunen und von Wachleuten schützen.

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