Gelesene Passion

„Kunst im Dialog - Künstler für eine streitbare Demokratie“ ist eine Serie der Filmland MV GmbH. Die Lesungs-Reihe mit Autoren und Schauspielern ist als Kontrapunkt zu Rechtsextremismus und NPD gedacht. Mit Klaus Maria Brandauer hatte die Filmland GmbH einen echten Weltstar für die Initiative in der Marienkirche Klütz zu Gast. Er las aus Texten von Dietrich Bonhoeffer. Aber was heißt schon „lesen“bei Klaus Maria Brandauer? Er machte aus den Gefängnisbriefen und Gedichten des 1945 im KZ ermordeten Theologen und Widerstandskämpfers eine literarisch-schauspielerische Passionsgeschichte.

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12. Oktober 2008, 06:08 Uhr

Klütz - „Dann ist ja eigentlich alles gesagt, oder?“ Und Stille. Klaus Maria Brandauer hat seine Lesung beendet. Und wartet. Das Publikum in der bitterkalten Kirche St. Marien in Klütz weiß nicht, dass es am Ende eines ziemlich unvergleichlichen Abends angekommen ist, merkt es erst nach einer runden Minute – dann Applaus, stehend sogar. Und Brandauer lächelt.

Runde anderthalb Stunden hatten er und seine musikalische Partnerin, die Cellistin Maria Magdalena Wiesmaier, zuvor die Zuhörer in der Marienkirche, darunter auch Altministerpräsident Harald Ringstorff nebst Gattin, auf eine Reise in die Gedankenwelt des Theologen Dietrich Bonhoeffer mitgenommen. „14. April 1943, Brief an die Eltern“, damit beginnt Brandauer seine Lesung. Bonhoeffer sitzt zu diesem Zeitpunkt seit neun Tagen in Haft, im Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Tegel. Er wird nicht überleben, spätestens nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 44 ist sein Schicksal besiegelt. Am 9. April 1945, in der Morgendämmerung und weniger als einen Monat vor Kriegsende, wird der protestantische Theologe und Widerstandskämpfer im KZ Flossenbürg gehängt. Seine Gefängnistexte und -briefe dokumentieren eine Passionsgeschichte.

Brandauer und seine Partnerin am Cello machten aus der Lesung ein echtes Kabinettstück, das musikalisch-poetisch Bonhoeffer zum Leben erweckte, der sich im Gefängnis seine Qualen von der Seele schreibt, mit sich und seinem Glauben ins Gericht geht. Ein Held? Vor allem ein Mensch und ein Christ. Aber ein Christ, dem sein Glauben nicht den rettenden Weg in die innere Emigration öffnet, sondern ein Glauben, der das Aufstehen gegen das Unrecht verlangt, die Nachfolge Christi. „Gott kann aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen“, so Bonhoeffer, den Brandauer in seiner Stimme Zeugnis ablegen lässt: „Gott wartet auf Gebete. Und auf verantwortungsvolle Taten.“

Gelesenes Portrait mit Zwischentönen
Ein Held? Bonhoeffer sah sich selbst so nicht, und Brandauer macht ihn nicht dazu. Er macht ihn zu einem Beispiel für den, der nicht still ist, nicht abseits steht und vor der Gewalt nicht wankt. Das um so eindrucksvoller, als der Großschauspieler auch dem Zweifel des Theologen unüberhörbaren Raum gibt, manchmal tosenden Raum. Brandauer lässt das Publikum Bonhoeffers Sehnsucht und Sorge um seine Familie erleben, sein Verlangen nach dem „Duft Deines Wesens“, wie er an seine Verlobte Maria von Wedemeyer schrieb. Doch der Theologe, der genau weiß, dass er nicht überleben wird, bleibt gefasst.

„Nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit. Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens“ liest Brandauer mit seiner so unnachahmlichen Stimme. Diese Zeilen notierte Bonhoeffer an einem Ort des Schreckens – als Gefangener in der Prinz-Albrecht-Straße 8 in Berlin, wo die Gestapo damals ihre Folterkeller hatte.

„Dann ist ja eigentlich alles gesagt, oder?“ Natürlich nicht. Bringen Veranstaltungen wie „Kunst im Dialog“ etwas angesichts der immer noch starken rechtsextremistischen und neonazistischen Parteien? Die Frage nach dem Erfolg sei nicht die richtige Frage, betont Brandauer, der nach der Lesung dann doch Zeit für ein Gespräch hat. Seit rund zehn Jahren mache er die Lesungen mit den Bonhoeffer-Texten. „Ich tue das, was ich als meinen selbstverständlichen Auftrag empfinde“, so der Schauspieler und Ehrenpreisträger des diesjährigen Filmkunstfestes MV. Niemand, ein Theologe nicht, ein Künstler nicht und auch er als Schauspieler nicht, könne und dürfe sich hinter seinem Beruf verstecken, wenn es um grundsätzliche Fragen wie Menschenwürde und Gewalt gehe. „Blöder als die Rechtsextremen kann man ja gar nicht sein“, so Brandauer. „Und ich glaube einfach nicht, dass ein junger Mensch denen glaubt, wenn man ihm die Hintergründe erklärt.“ Es ist eben längst noch nicht alles gesagt. Hoffentlich.

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