Gefeierte Premiere der 16. Schweriner Schlossfestspiele - Feurige „Carmen“ im kühlen Seewind

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06. Juli 2008, 08:45 Uhr

Im Rahmen der Schlossfestspiele Schwerin 2008 erlebte die beliebte Oper in einer Open-Air-Inszenierung ihre festliche Premiere am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin. Darsteller, Regie und Musik wurden mit einhelligem Jubel gefeiert, der hoch aufbrandete, aber bald wieder verlosch, vielleicht weil die Hände selbst beim Applaus nicht mehr warm wurden.

Die Inszenierung von Frank Bernd Gottschalk bietet im zweietagigen Bühnenraum von Lutz Kreisel ein paar große, wirkungsvolle Bilder, Reiterei, Autos, Feuerwerk. Vor allem aber bietet sie sensibel gearbeitete, unaufdringliche Zeichen und Symbole für die dramatischen Beziehungen zwischen den Personen. Im Ganzen eher eine Inszenierung für die überschaubare Theaterbühne als für die Breitwanddarstellung einer Großarena.

Fesselnde Bilder mit aussagestarken Details
In sich geschlossene szenische Bilder und Abläufe finden gleichzeitig auf verschiedenen Bühnenebenen statt. Jedes Bild mit aussagestarken Details und fesselnd, doch darf sich das Auge nirgendwo festhalten, wenn es anderes nicht versäumen will. Er lässt das Drama zwischen dem Soldaten José und der Zigeunerin Carmen, die ihn verführt, um ihre Freiheit zu erreichen, im heutigen Alltag spielen.

Die für die Oper so wichtige Zigeunerromantik bleibt Gottschalk dennoch durch einen wirksamen Trick erhalten, indem er sie als Inszenierung der Protagonisten für die in Sevilla allgegenwärtigen Touristen darstellt. Damit kann die Kostümbildnerin Katharina Popanda farbige Zigeunertrachten zeigen und der Choreograph Andreas Paesler mit dem Opernchor einen ebenso einfachen wie spannenden Kastagnettentanz organisieren.

Der Transport der Geschichte ins Heute gibt dem Regisseur aber vor allem die Möglichkeit, der tragischen Entwicklung zwischen Carmen und José den dämonischen Atem einer globalen Dimension einzuhauchen. Es spiegeln sich in der Carmen, die zuerst im Kittel der Zigarettenarbeiterin auftritt, dann im eleganten schwarzen Kostüm und schließlich in weißer Prachtrobe, ganze Schichten, ja ganze Gesellschaften, die das Leben begünstigt, denen es gelingt, jede Situation für sich auszunutzen.

Während der Soldat José nichts von seiner schmucken Ausgangssituation zu halten vermag, bis er als ein abgerissenes, schmutziges Häufchen Elend vor der weißen Pracht Carmens im Staub liegt. Eine fatale gegenläufige Entwicklung! Josés Mord und Carmens Tod eine Weltvision? Ob Gottschalk so weit dachte, bleibt ungesagt, doch kann seine Inszenierung auf solche Spur führen.

Die Musik steht irgendwie daneben, als fände sie auf dem weiten Areal des Alten Gartens an anderer Stelle statt. Es wird wunderbar musiziert. Die Mecklenburgische Staatskapelle liefert brillante Klänge, prägnante Rhythmen, und Chefdirigent Matthias Foremny vermag wie immer eine aufregend dramatische musikalische Entwicklung zu inszenieren.

Chor und Kinderchor, einstudiert von Ulrich Barthel, agierten sehr lebhaft, verloren dabei aber gelegentlich an musikalischer Präzision.

Ein attraktives Solistenensemble
Man wünscht sich die Feinheiten der Musik wie der Inszenierung in die Geschlossenheit des Theaterraumes versetzt, um sie voll genießen zu können, wo hier draußen manches in der Weite verfliegt oder durch das rumorende Leben der Stadt beeinträchtigt wird.

Die aus Rumänien stammende Hermine May ist eine Carmen von faszinierender Ausstrahlung und stimmlicher Präsenz. Ein dunkel-samtiges Timbre, das die Höhen lasziv von unten her anschleift, und eine Gestik, die sich der Kraft ihrer Weiblichkeit bewusst ist, machen die Sängerin in der Titelrolle unwiderstehlich.

Ebenfalls aus Rumänien stammt der Tenor Daniel Magdal in der Rolle des José. Wie sein Spiel im Verfall der Person immer brillanter wird, so gewinnt seine Stimme im Verlaufe des Abends auch an Dramatik und Kraft. Ulrike Maria Maier ist eine Micaëla von sympathischer Einfachheit und hinreißender stimmlicher Klarheit. Nico Wouterse gibt dem Escamillo die Ausstrahlung eines erfolgreichen Machos, dem eine Carmen sich gern an die Seite stellen mag. Ein attraktives Solistenensemble, dem man gern applaudiert!

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