Gefälschte Pillen machen krank

2007 hat der Zoll in Deutschland dreimal so viele gefälschte Medikamente beschlagnahmt wie noch ein Jahr zuvor – Tendenz steigend. Auch in der Region Lübz gibt es deshalb Anlass zur Sorge. Oft besteht akute Lebensgefahr.

von
19. Mai 2008, 07:14 Uhr

Lübz - Welche Unmengen an Präparaten im Umlauf sind, verdeutlicht schon eine Zahl: Allein für „Viagra“ und ähnliche Produkte gehen auf der E-Mail-Adresse des Lübzer Apothekers Wolfgang Zimmermann und seiner Frau Karin täglich (!) zwischen 60 und 80 verschiedene Angebote ein. „Wir warnen dringend davor, kritiklos im Internet zu bestellen, was nur wie das gewohnte Arzneimittel aussieht, ansonsten aber nichts mit dem Original zu tun hat“, sagt er. Gefälschte Medikamente enthielten häufig völlig andere Wirkstoffe, oder die richtigen seien gar nicht beziehungsweise in falscher Konzentration enthalten. Produziert werden sie außerdem ohne jegliche Qualitäts- und Hygienestandards. „Wer genau was versucht, lässt sich im Internet schlecht kontrollieren, was auch für dubiose Vorhaben geradezu ideal ist“, so der Kreisvertrauensapotheker. „Leider gibt es immer Leute, die versuchen, Profit zu machen – egal, wie. Da spielt dann auch die Gesundheit von Menschen keine Rolle.“

Fälscher-Aktivität auf normale Medikamente ausgeweitet

Sei das Werk von Fälschern bisher wesentlich auf so genannte Lifestyle-Medikamente wie „Viagra“, Haarwuchsmittel und Appetitzügler beschränkt gewesen, so habe sich ihre Tätigkeit seit 2007 auch auf normale Arzneimittel ausgedehnt. Oft ging es zum Beispiel um Herz- und Blutdruckpräparate, deren Verpackungen den Originalen zum Verwechseln ähnlich aussahen, die an sich jedoch ohne Inhalt waren. „Die Folgen können demzufolge lebensgefährlich sein“, sagt Zimmermann. „Wer im Internet bestellt, muss sich sicher sein, dass er es mit einem zugelassenen und geprüften Versandhandel zu tun hat. Und genau darin besteht die Schwierigkeit, denn schreiben kann ich in der Entfernung viel. In der Regel ist schon etwas faul, wenn ich ein verschreibungspflichtiges Medikament ohne Rezept kaufen kann.“

Zu Karin Zimmermann brachte jüngst ein Arzt ein Durchblutungsmittel in die Apotheke, das sich einer seiner Patienten im Internet gekauft und von dem er noch nie etwas gehört hatte. Die Beurteilung der Fachfrau fiel verheerend aus: „Das Präparat enthielt einen hochgefährlichen Stoff, der schon lange in ganz Europa nicht mehr zugelassen ist.“

Das öffentliche Medikamenten-Vertriebssystem, zu dem auch die Apotheken gehören, sei in Deutschland so streng kontrolliert, dass man beschriebene Fälschungen in ihm nahezu ausschließen könne. Zimmermanns Antwort auf die Frage, ob sich alle Kunden dieses Umstandes bewusst sind: „Leider nicht. Es kommen immer öfter Leute mit Listen in die Apotheke, auf denen Arneimittel-Preise aus dem Internet stehen und die dann sagen: ,So billig will ich’s auch!’ Neben der Aufklärung über die Gefährlichkeit versuchen wir, die Menschen auch davon zu überzeugen, dass man das Einzelangebot eines Händlers nicht mit der Gesamtleistung einer Apotheke vergleichen kann.“

Meisten Händler haben ihren Sitz in den Niederlanden
Zu letzterer gehören neben der Herstellung von individuellen Produkten unter anderem Notdienst, Beratung, Serviceleistung (Blutdruck- und Blutzuckermessung) sowie der Vertrieb von wirtschaftlich unattraktiven Produkten. Der Internet-Versand könne sich Rosinen herauspicken.
Hinzu komme, dass die meisten Händler dieses Bereiches von den Niederlanden aus agieren, wo ein Mehrwertsteuersatz von sechs Prozent gilt – in Deutschland liegt er bei 19 Prozent. Durch Aktionen bemühe man sich, auch in den Lübzer Apotheken attraktive Preise zu bieten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen