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21. September 2017 | 09:03 Uhr

Gaucks Heimspiel vor Fremden

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erstellt am 13.Jun.2010 | 06:49 Uhr

Kröpeliner-Tor-Vorstadt | Seine Stimme ist klar. Langsam, bedächtig und freundlich spricht Joachim Gauck im Audimax der Rostocker Universität. Vor ihm sitzen 450 Studenten aus Südamerika, Osteuropa, Asien und Afrika, die zum Jahrestreffen des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD) nach Rostock gekommen sind. Vor ihnen soll Gauck über ihr derzeitiges Gastland sprechen. "Ost und West - eine Betrachtung deutscher Verhältnisse" ist das Thema seines Vortrags am Sonnabend.

Doch zuerst spricht der Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten über seine Heimatstadt, über Rostock: "Wann immer ich herkomme, werden Erinnerungen wach. Was ich dann als erstes empfinde, ist das, was das schöne Wort ,Befreiung erfüllt." Hier wurde er 1989 zum Mitinitiator der Protestbewegung gegen das SED-Regime, hier hat er die Wendezeit erlebt. Hier hat er zum ersten Mal an freien Wahlen teilgenommen.

Und schon ist er beim Thema, bei "seinem" Thema: der Freiheit. Einem Gut, mit dem 20 Jahre nach der Wende einige in Deutschland noch "fremdeln", wie er sagt. Gerade in Ostdeutschland seien seit dem politischen Umbruch viele wieder in das Lager der Ohnmächtigen zurückgekehrt - in das Lager derer, die regiert werden wollen statt selbst mitzubestimmen. Das belege immer wieder die Wahlbeteiligung. Angst vor Armut und Arbeitslosigkeit seien die Gründe dafür, ebenso wie die Ungeübtheit im Umgang mit der Demokratie, analysiert Gauck. Es dauere eben einige Zeit, bis die weitaus länger von Diktaturen geprägten Teile Deutschlands und Europas mit den Demokratien im Westen zusammenwachsen. Mittlerweile spricht er lauter, entschlossener. Seine Gesten sind ausladender geworden. Er deutet mit dem Zeigefinger. Er klatscht in die Hände, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

Der 70-Jährige beklagt eine "Unkultur des Verdrusses", die sich in Teilen Deutschlands breitgemacht habe. Zu den Studenten sagt er: "Sie haben es vielleicht schon gemerkt: Die Deutschen sind gern betrübt. Oder zumindest besorgt." Einige seiner Zuhörer lächeln. "Für manche unter Ihnen mag unser Land wie eine Oase der Ruhe und Sicherheit erscheinen. Aber die Deutschen wissen davon wenig", sagt er.

Doch der Bürgerrechtler hat auch ein Gegenmittel gegen die deutsche Verdrießlichkiet: Mut zu politischer Beteiligung, die Bekenntnis zum "Positivkatalog der Demokratie" und das Pflegen einer Kultur der Ermächtigung, in der schon Kinder Mitbestimmung lernen.

Wieder deutet er mit dem Zeigefinger ins Publikum. Mit beiden Armen holt er weit zu den Seiten aus, als wolle er alle im Saal umarmen. An manchen seiner Gesten ist zu erkennen, dass er viele Jahre als Pastor gearbeitet hat. Während er zu seinem internationalen Publikum spricht, will er vor allen Dingen seine eigenen Landsleute ermutigen.

Und dennoch: Zurzeit sei Deutschland ein verunsichertes Land. In diese Diagnose schließt er auch die politische Klasse ein. Sie wisse nicht, ob die Zukunft noch in dem liege, was man berechnen kann.

Bei seinem Besuch in der Rostocker Universität kommt Gauck nicht daran vorbei, ein paar Worte zu seiner Kandidatur für das Bundespräsidentenamt zu sagen. Er selbst schätzt sich ein als "ein Kandidat mit überschaubaren Chancen, der Realist genug ist, das auch zu sehen." Zum möglichen Ausgang der Präsidentenwahl durch die Bundesversammlung am 30. Juni sagt er: "Schaun mer mal" und zitiert damit einen Fußballer, den in Ost-, Westdeutschland und unter den angereisten Studenten aus aller Welt jeder kennt. Die Studenten lachen. Bevor sie Joachim Gauck gehen lassen, verabschieden sie sich - mit lautem Beifall, stehenden Ovationen und Blitzlichtgewitter.

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