Ganzen Mensch im Blick

Für Alkoholiker sind sie oft die letzte Hoffnung – die 17 Mitarbeiter der Suchtstation im Kreiskrankenhaus Prignitz. Sei es für eine Entgiftung oder für den Beginn einer Therapie. Hier müssen sie sich nicht verstellen, hier werden sie respektvoll behandelt. Und das seit zehn Jahren.

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14. März 2008, 03:14 Uhr

Prignitz - Manche kommen, weil sie keinen Ausweg wissen, manche weil sie von der Droge Alkohol los kommen wollen und für manche ist nur eine Trinkpause, das Ziel – danach greifen sie oft schnell wieder zur Flasche. Eines haben sie fast alle gemeinsam: Niemand kommt nüchtern.

„Bei der Aufnahme liegt der Alkoholspiegel oft bei 3,5 bis vier Promille“, sagt Suchttherapeut Stefan Jambor. „Einer fuhr mit drei Promille im Auto vor“, weiß Psychologe Matthias König. Selbst ihnen falle es oft schwer abzuschätzen, wie betrunken ein Patient bei der Aufnahme ist. „Sie erzählen klar und deutlich, schwanken nicht. Ihr Körper hat sich an den Alkohol gewöhnt, hohe Alkoholmengen werden toleriert“, erklärt die leitende Oberärztin F. Shqair.

Deshalb sollen Betroffene auch gar nicht mit Null Promille kommen oder gar mit einem Entzug in den eigenen vier Wänden beginnen. Das wäre lebensgefährlich, da es zu Entzugserscheinungen wie Krampfanfällen führen kann. „Herzrasen, feuchte und flatternde Hände. Einige sehen kleine Tierchen krabbeln oder fühlen sich verfolgt“, so die Oberärztin. Noch anschaulicher schildert Stefan Jambor die Gefahr: „Jemand könnte eine Feuerwand auf sich zurasen sehen und vor ein fahrendes Auto springen.“ Ein Entzug sollte deshalb nur unter medizinischer Obhut erfolgen.
Sieben Tage Entgiftung Sieben Tage dauert die Phase des körperlichen Entzugs, die so genannte Entgiftung. „Dann haben wir aber noch nicht über Alkohol geredet“, so Jambor. Wer dennoch umgehend die Klinik verlässt, komme meist bald wieder. Dies hätten mittlerweile auch die Krankenkassen erkannt. Zwar sinke dank besserer Diagnostik und Behandlungsmethoden in anderen medizinischen Bereichen die Verweildauer, aber das könne nicht eins zu eins auf die Suchtstation übertragen werden.

Die Einsicht der Krankenkassen findet sich in dem neu entwickelten therapeutischen Konzept wieder. Die Klinik verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz. Zwei Beispiele. „Bei Patienten die das erste oder zweite Mal zur Entgiftung kommen, schließt sich an die Phase des körperlichen Entzugs eine bis zu 14-tägige therapeutisch begleitete Motivationsphase an. Wir kümmern uns unter Umständen auch um eine Verlegung in eine Anschlusstherapie“, sagt Psychologe König.
Bei Patienten, die – bedingt durch den jahrelangen Alkoholkonsum – körperlich stark beeinträchtigt sind, steht die Herstellung der Lebensfähigkeit im Mittelpunkt. „Sie benötigen meist eine Langzeittherapie, zum Beispiel im Haus ’Klein Linde’“, ergänzt Stationsschwester Silvia Bartoll-Spingler. Die Betroffenen müssten erst wieder lernen, „abstinent zu leben“. Das beginne bei einfachen Dingen wie der Körperpflege, dem Ankleiden oder dem Zubereiten von Mahlzeiten.Über 18 Betten verfügt die Klinik. In der Regel sind alle belegt, auch die drei zusätzlichen Notbetten. Selbst Betten in anderen Klinikbereichen nutzt das Therapeutenteam. Im Jahr nehmen sie rund 600 Patienten auf, fast ausschließlich Männer.

Mehrfache Abhängigkeit Therapeut Stefan Jambor ist einer der wenigen, der seit 1998 dabei ist und die Station mitaufgebaut hat – damals noch in der Reetzer Straße. In den Jahren hat sich aus seiner Sicht die Drogenproblematik verändert. Immer häufiger sind die Patienten mehrfach abhängig, von Alkohol und illegalen Drogen. Die Klinik behandelt sämtliche Drogensüchte, mit Ausnahme von Heroin.

„Wer bei sich ein Suchtproblem sieht, befürchtet, seinen Führerschein abgeben zu müssen, Streit mit der Partnerin über seine Trinkgewohnheiten hat, kann zu uns kommen“, betont F. Shqair. Das Schamgefühl sei hoch, aber hier finden Betroffene einen geschützten Rahmen. „Niemand muss sich verstellen, jeder wird so wie er ist angenommen und respektvoll behandelt“, sagt das Team.


Die häufigsten Vorurteile:



Ihr müsst nur wollen, dann klappt es auch ohne Alkohol.
Erst wer unter der Brücke sitzt und täglich säuft, ist ein Alkoholiker.
Alkohol zu trinken ist nur ein schlechter Charakterzug, der nicht ernst genommen werden muss.
Ich trinke doch nur sechs Flaschen Bier, bin also nicht abhängig.
Alkohol ist eine gesellschaftlich akzeptierte Droge, zum Beispiel Sangria mit Strohhalm aus Eimern zu trinken.
Ein echter Mann ist nur, wer andere unter den Tisch säuft.
Du bist erst dann ein Mann, wenn du einmal besoffen in den Rinnstein gekotzt hast.
Wer kein Alkohol trinkt, ist eine Spaßbremse
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