G8-Erfahrungen weltweit gefragt

Vor einem dreiviertel Jahr schaute die Welt auf Mecklenburg-Vorpommern. Der G8-Gipfel in Heiligendamm wurde von 17 500 Polizisten geschützt. Über diesen größten Polizeieinsatz in der deutschen Geschichte ist viel diskutiert worden. In unserer Zeitung äußert sich erstmals der Leiter, Knut Abramowski, zu den Einzelheiten. Thomas Volgmann sprach mit dem Polizeiführer.

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01. April 2008, 08:41 Uhr

Herr Abramowski, vor einem dreiviertel Jahr haben Sie beim G8-Gipfel in Heiligendamm den größten Polizeieinsatz Deutschlands geleitet. Ist dieses Großereignis für Sie abgehakt?

Abramowski: Nein, zum einen läuft die Nachbereitung des gesamten Einsatzgeschehens noch teilweise. Zum anderen fließen Erfahrungen vom G8-Gipfel längst in die Vorbereitung anderer internationaler Großereignisse wie beispielsweise die Fußball- Europameisterschaft in Österreich und in der Schweiz 2008 ein. Dazu bekommen wir immer wieder Einladungen. Ich selbst war in den vergangenen Monaten in Wien und Genf. Auch andere Länder wie Saudi Arabien haben angefragt. Ferner haben wir unsere Erfahrungen in Mecklenburg-Vorpommern an Sicherheitsbehörden in Litauen, Rumänien, China, Dänemark und Japan weitergegeben. Das sind Staaten, die internationale Großereignisse wie, die Olympischen Spiele, die Weltklimakonferenz, der NATO-Gipfel und natürlich den nächsten G8 - Gipfel durchführen. So weit es mir möglich ist, nehme ich die Einladungen an. Denn so ein kontinuierlicher internationaler Austausch von Erfahrungen ist üblich. Davon profitieren wir alle.

Trotzdem, der Einsatz wurde auch heftig kritisiert. Bilder von den brutalen Ausschreitungen am Rostocker Stadthafen gingen am Wochenende vor dem Gipfel um die Welt. Der Polizeiführung wurde vorgeworfen, zuvor untätig zugesehen zu haben, wie sich der gewalttätige Block in der Demonstration formieren und vermummen konnte. Hatte dort die Strategie der Deeskalation versagt?

Abramowski: Im Ergebnis der zwischen uns und den Organisatoren der friedlichen Proteste geführten Kooperationsgespräche, hielten wir es am 2. Juni in Rostock für richtig, unmittelbar am Aufzug keine starken Kräfte zu zeigen. Unsere Hundertschaften hielten wir aber parallel zur Demonstrationsstrecke und an Schwerpunkten in Bereitschaft. Der Plan ging auf. Eines unserer Ziele war es, Zusammenstöße zu einem Zeitpunkt zu verhindern, an dem ein Abgleiten von Randalierern in die Rostocker Innenstadt möglich gewesen wäre. Denn wie die Innenstadt nach Straßenschlachten ausgesehen hätte, kann sich jeder leicht vorstellen. Bei den späteren Auseinandersetzungen im Stadthafen ist im Rahmen des Deeskalationskonzeptes konsequent gegen Gewalttäter vorgegangen worden.

Zum Glück blieb es in den Folgetagen bei lokalen Zusammenstößen. Worauf führen Sie dies zurück?

Abramowski: Nach den Krawallen fanden wir sehr schnell den Kontakt zu den Organisatoren der Demonstrationen. Wir hatten noch am 4. Juni ein interessantes Gespräch in der Nikolaikirche. Uns wurde gesagt, dass wir in den kommenden Tagen Blockaden erleben werden, aber dass die Organisationen keine weitere Gewalt dulden. War haben von unserer Seite aus deutlich gemacht, dass wir von den gewaltfreien Blockaden eindeutige Zeichen und eine klare Distanzierung zu den gewalttätigen Gruppen erwarten. Diese Absprache hat an den Folgetagen weitgehend funktioniert.

Es gab auch heftige Kritik beispielsweise von der Gewerkschaft der Polizei an Führung, Verpflegung und Unterkunft der Beamten während des Einsatzes. Was sagen Sie dazu?

Abramowski: Natürlich kann Kritik sehr hilfreich sein, vorausgesetzt, der Kritiker weiß, wovon er redet.

Waren die umstrittenen Aufklärungsflüge der Tornados aus polizeilicher Sicht notwendig?

Abramowski: Absolut. Es gibt internationale Standards, die wir einhalten mussten. Und dazu gehören beispielsweise auch das Erkennen und Aufklären möglicher Erdverwerfungen, durch den Bau von Tunneln oder Verstecken. Dies ist optimal nur aus der Luft möglich. Darum wurden Tornados eingesetzt. Auch beim Gipfel in Schottland wurden es deshalb Aufklärungsflüge durchgeführt.

Gab es Zivilpolizisten, die mit Steinen warfen und Demonstranten zu Straftaten aufgefordert haben?

Abramowski: Nein. Es waren Zivilfahnder im Einsatz, so genannte Tatbeobachter, die in der Menge Bewegungen und Absichten feststellen und Straftaten beobachten sollten. Nach meiner Kenntnis ging aber von keinem eine Provokation aus.

Was ist Ihnen während des G8-Einsatzes nicht gelungen?

Abramowski: Es gibt einen Fakt, der uns bis heute bewegt. Es ist uns nicht gelungen, die Komplexität des Einsatzes nach innen und nach außen zu vermitteln. Es gab Polizeieinheiten, die haben ihr Ding durchgezogen, ohne dass wir ihnen die Bedeutung des gesamten Einsatzes nachvollziehbar klar machen konnten. Ich weiß aber auch nicht, ob dass bei einem so großen Einsatz mit mehr als 17000 Beamten überhaupt möglich ist.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Sicherheitskräften der anderen G8-Teilnehmerstaaten?

Abramowski: Es gab international sehr viel Interesse und auch Anerkennung.

Und die US-Amerikaner?

Abramowski: Gut, es hieß immer, sie seien schwierig mit ihren hohen Sicherheitsanforderungen. Aber wir kannten die Amerikaner bereits vom Besuch ihres Präsidenten im Jahr zuvor. Sie waren sehr kooperativ.

Würden Sie so einen Einsatz noch einmal leiten?

Abramowski: Ja, uneingeschränkt und sofort, wenn es nötig wäre.

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