Frühförderung: Landkreis Güstrow Schlusslicht im Land

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23. Februar 2010, 09:31 Uhr

Güstrow | Die Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege sind darin gescheitert, landesweit einheitliche Standards für die heilpädagogische Frühförderung zu schaffen. Jeder koche also weiter sein eigenes Süppchen, kritisiert Renate Brandt, Referentin für Behinderten- und Sozialhilfe beim Paritätischen Landesverband MV. Der Landkreis Güs trow sorgt für einen besonders bitteren Beigeschmack. Denn er bilde das Schlusslicht in der Frühförderung im Land und benachteilige damit Kinder besonders (siehe Stichwort), moniert Cornelia Fittje, die die nicht mehr existente Netzwerkstelle für Frühförderung MV leitete.

Hintergrund: 2008 setzte das Sozialamt des Landkreises als Träger der heilpädagogischen Frühförderung eine neue Fördereinheit fest. Grundlage war ein neues Angebot einer Ergotherapie-Praxis in Güstrow. Eine Förderstunde bemaß sie mit viel weniger Zeit. Damit sollten auch andere Leistungsträger auskommen. Nach langen Verhandlungen gilt seit 2008 pro Einheit Frühförderung: 45 Minuten Direktarbeit am Kind plus 15 Minuten zur Vor- und Nachbearbeitung, ggf. plus Fahrzeit. "Das ist viel zu wenig", so Claudia Müller von der Frühförderstelle Bützow der Lebenshilfe. Zum Vergleich: In Brandenburg beträgt eine vergleichbare Fördereinheit zwischen 120 und 160 Minuten (Standard von vor 2002).

Von dauerhafter Qualität habe man noch sprechen können, als die Formel "60 Minuten Direktarbeit am Kind, 50 Minuten Vor- und Nacharbeit plus Fahrzeit" hieß, sagt Müller. So war es vor 2008 "und selbst das war im Vergleich nur ein minimaler Satz", so Cornelia Fittje.

Die reduzierte Zeit sei besonders kritikwürdig, meint Fittje, weil der sonderpädagogische Förderbedarf bei Kindern in MV doppelt so hoch ist wie im Bund. Er liege bei "traurigen 12,7 Prozent". Diesen Förderbedarf zu sichern, sei das A und O, denn die klassischen Diagnosen wie körperliche oder geistige Behinderungen machen nur noch 24 Prozent aus. Vielmehr kämen jetzt verstärkt Kinder wegen psychosozialer Auffälligkeiten in die Frühförderung. Ein Kostensatz à la Ergotherapie für die Frühförderung anzuwenden, hinke völlig, "denn für eine Erfolg versprechende Förderung ist es notwendig, das Umfeld nachhaltig in die Förderung mit einzubeziehen", so Fittje. Denn es handele sich bei der Frühförderung nicht wie bei der Ergotherapie um ein Funktionstraining, eine punktuelle Förderung quasi unabhängig von Zeit und Raum. Vielmehr liefen in der Frühförderung alle Fäden zusammen, um die Entwicklungsverzögerungen beim Kind zu beseitigen. Dazu müssten Ärzte konsultiert werden, auch Kita-Erzieherinnen und vor allem die Eltern. "Aber die Arbeit mit ihnen reduziert sich bei dem Fördersatz allenfalls auf Türschwellengespräche." Am Ende leide das Kind, denn es fehle die Behandlung aus einem Guss, so Praktikerin Müller.

Nichts dran sei an dem Vorwurf, dass der Landkreis mit der reduzierten Fördereinheit den defizitären Haushalt saniert. Kreissprecherin Petra Zühlsdorf-Böhm belegt das mit Zahlen, denn wurden 2005 vom Landkreis für die Frühförderung 300 000 Euro ausgegeben, werden es dieses Jahr 409 000 Euro sein. Sie sagt weiter, dass es dem Kind nicht schade müsse, wenn weniger Zeit aufgewendet wird. Es werde durch die Vereinbarungen Qualität garantiert. "Das bestätigen richterliche Urteile und Fachbehörden wie das Gesundheitsamt und der kommunale Sozialverband", so Zühlsdorf-Böhm.

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