Früher Nazi – heute Aufklärer

Mit 13 Jahren geriet Jörg Fischer-Aharon in rechtsextremistische Kreise. Innerhalb der Organisationen der NPD stieg er auf. Bis dem heute 39-Jährigen das Ausmaß der menschenverachtenden Aktionen der rechten Partei bewusst wurde. Seitdem kämpft der Aussteiger für Aufklärung – gestern in der Hundertwasser-Gesamtschule und in der Werkstattschule.

svz.de von
09. Dezember 2008, 07:52 Uhr

Rostock - Alles hat ganz harmlos angefangen. Jörg Fischer-Aharon wächst in Nürnberg auf. Als 13-jähriger Diabetiker muss er einen Antrag zum Versorgungsamt bringen. Der dort angestellte Sachbearbeiter spricht ihn an: „Er hatte aus den Unterlagen erkannt, dass ich in der Nürnberger Südstadt wohnte – einem Stadtteil mit sehr hohem Migrantenanteil.“ Ob es keine Probleme gebe, fragte der Mann vom Versorgungsamt, der gleichzeitig stellvertretender Vorsitzender der NPD in Nürnberg war, und drückte dem Jungen Info-Materialien zu seiner Partei in die Hand.

Vom Stammtisch in die Partei
In den folgenden Tagen erhält der Jugendliche immer wieder Anrufe, wird zum Stammtisch der Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der NPD, eingeladen. „Alles sei ganz unpolitisch. Die Kameradschaft stehe im Mittelpunkt“, erzählt Fischer-Aharon. Als er den Treff besucht, ist der Junge den Neonazis ins Netz gegangen.

Heute ist Fischer-Aharon bekennender Gegner der Rechtsextremen. Abgeschlossen hat er mit diesem Kapitel seiner Vergangenheit jedoch noch lange nicht. In der Initiative „Endstation Rechts“ erzählt er Schülern von seinen Erlebnissen, warnt vor der scheinbar unpolitischen Ideologie der NPD und deckt die Widersprüchlichkeiten im Parteiprogramm und in den Parolen der Rechten auf. Die Schüler der Hundertwasser-Gesamtschule in Lichtenhagen sind im vergangenen Jahr mit dem Titel „Schule ohne Rassismus“ geehrt worden. Dennoch ist es auch für die anwesenden achten und neunten Klassen wichtig, Argumente zu kennen. Fischer-Aharon hilft ihnen zum Beispiel dabei, eine der Standardparolen rechtsextremer Gruppierungen zu entkräften: Ausländer nähmen Arbeitsplätze weg. „Die NPD oder Udo Pastörs sind der Meinung, dass zwei Prozent Migranten für zwölf Prozent Arbeitslosenquote verantwortlich sind. Man könnte unterstellen, dass Pastörs den Ausländern sechsmal so viel Fleiß zuspricht wie jedem Nicht-Migranten.“

Privatleben von Ideologie durchdrungen
Nach und nach durchdringen die falschen Werte der Partei das ganze Leben ihrer Anhänger. Es wird darauf geachtet, dass die „Kameraden“ so viel Zeit wie möglich in der rechtsextremen Szene verbringen. Alte Freundeskreise lösen sich auf, Kontakte gehen verloren. „Es wird sogar kontrolliert, welche Bücher du liest, welche Filme du siehst und was du isst“, berichtet der Aussteiger. „Wenn du zum Kameradschaftstreffen kommst und hast einen Döner in der Hand, dann wird da schon mit dir drüber geredet.“

Den Ausstieg wagte Fischer-Aharon, nachdem ihm durch bundesweite pogromartigen Übergriffe klar geworden war, dass „die Stammtischparolen Realität werden können.“ Darüber hinaus spürte er den Widerspruch zwischen der eigenen Homosexualität und der von den Rechten verbreiteten Hetze gegen diese Minderheit.

Hintergrund - Der Weg aus der Szene
Jörg Fischer-Aharon stieg bei der NPD bis in den mittelfränkischen Bezirksvorstand auf. Anfang der 1990er-Jahre kam der Ausstieg. „Es kam nicht über Nacht“, sagt der heute 39-Jährige. Gründe dafür waren die Konfrontation mit den deutschlandweiten pogromartigen Übergriffen und die Unvereinbarkeit der eigenen Homosexualität mit dem Menschenbild der NPD. Von den „Kameraden“ wird er heute steckbrieflich gesucht.

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