Frequenz-Auktion funkt Theatern dazwischen

Ohne Funkmikrofone wie hier auf der Wange von Ines Wilhelm (in  'Die drei Musketiere' 2008 in Rostock)  sind Open-Air-Produktionen nicht machbar. Archiv / Georg Scharnweber
Ohne Funkmikrofone wie hier auf der Wange von Ines Wilhelm (in "Die drei Musketiere" 2008 in Rostock) sind Open-Air-Produktionen nicht machbar. Archiv / Georg Scharnweber

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14. April 2010, 07:10 Uhr

Rostock/Schwerin | Die Versteigerung von Frequenzen für den Mobilfunk, die Nutzern schnellere Internetzugänge und dem Bund Milliarden bringen soll, bringt den Theatern im Land und bundesweit vor allem Eines - viel Ärger. "Ein unter anderem betroffener Frequenzbereich wird entgegen öffentlichen Behauptungen nicht frei, sondern von vielen Kultur- und Konferenz-Veranstaltern für drahtlose Mikrofonanlagen, so genannte Mikroportanlagen, genutzt", sagte der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin. Betroffen seien unter anderem Theater, Konzertsäle, Kirchen, Konferenzzentren sowie viele Kleinunternehmen der Veranstaltungsbranche.

Hintergrund: Die Tonanlagen der Theater und Veranstalter sind fest auf den Frequenzbereich 790-862 Megahertz eingerichtet. "Da werden jetzt Frequenzen versteigert, die unsere ganze Branche nutzt, nicht nur die Theater", sagt John Schröder, Tonmeister am Staatstheater Schwerin. "Das hat auf jedem Stadtteilfest Konsequenzen." Schon in diesem Sommer könne es erste Probleme mit den Mikrofonen geben. Denn: Eine parallele Nutzung der Frequenzen von Mobilfunk und bisherigen Betreibern ist laut Bühnenverein nicht möglich. Zwar sind fandere Frequenzen in Aussicht gestellt worden, die auch genützt werden könnten- aber eben nicht auf Knopfdruck. "Der Betrieb dieser Frequenzen erfordert aber eine kostspielige Umrüstung der vorhandenen Anlagen", betont Buhnevereins-Chef Bolwin. Und eben nicht nur bei den Theater: "Betroffen ist auch jedes kommunale Veranstaltungszentrum."

Das in Aussicht gestellten Ersatzfrequenzband liege außerdem "weit unter dem, was wir brauchen", sagt Tonmeister Schröder: "Allein bei den Schlossfestspielen nutzen wir 60 verschiedene Kanäle."

Auch im gerade zur GmbH umgeformten Volkstheater Rostock rechnen die Experten gerade nach. "Natürlich ist uns das drohende Problem bekannt. Es ist in der Tat so: Es müsste dann entweder unsere Anlage umgerüstet werden oder eine neue angeschafft werden", sagt Volkstheater-Sprecher Manfred Opel. Ob die vom Bühnenverein veranschlagten Aufrüstungskosten zuträfen, werde noch geprüft.

Rund 300 000 Euro müsse ein kleines Dreisparten-Theater wohl für die Technikanpassung aufbringen, hatte der Bühnenverein vorgerechnet. Die Bundesregierung habe den Ländern vor der Versteigerung zwar zugesichert, einen Teil der Umrüstungskosten zu übernehmen. Nach Abschluss der Verhandlungen zeichne sich aber ab, dass die vom Bund angesetzten Kriterien nur in Einzelfällen zu einer minimalen Erstattung führen würden, kritisiert Rolf Bolwin: "Der Bund will nur bei Anlagen einspringen, die nicht älter sind als vier Jahre." Damit gingen die meisten Theater, Veranstalterfirmen wohl leer aus. Tonmeister Schröder vom Schweriner Staatstheater bestätigt die Schätzung des Bühnenvereins: "In diesem Kostenrahmen kann man sich schon bewegen." Es sei denn, man wolle Musical- und Opernsänger wieder an Kabel anschließen.

Im Theater Vorpommern könnten sich die Kosten für die Erneuerung der Ton- und Mikrofonanlage sogar bis auf 600 000 Euro summieren, rechnet Tonmeister Erich Cymek vor. Je 40 Kanäle weisen die Anlagen an den Open-Air-Spielstätten in Stralsund und Greifswald auf, weitere 16 in den Häusern. Über den Bühnenverein und den Verband der Tontechniker werde seit langem auf das Problem aufmerksam gemacht. So sei auch Ministerpräsident Erwin Sellering gebeten worden, sich im Bundesrat für die Interessen der Kulturveranstalter stark zu machen. Skeptisch bleibt Cymek trotzdem gegenüber dem politischen Appell, bei notwendigen Umstellungen "angemessene Unterstützung" zu gewähren. "Was ist denn angemessen - so etwas wie die Abwrackprämie?"

Genau da hakt Bühnevereins-Vorsitzender Rolf Bolwin ein: "Unser Vorschlag: Nach Anlagenalter gestaffelte Zuschüsse für jeden, von mindestens 30 Prozent der Kosten bis hin zu 100 Prozent bei ganz neuen Systemen." Auf einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag kalkuliert der Bühnenverein die Kosten für die gesamte Veranstaltungsbranche. Bolwin: "Der Bund wird Milliarden einnehmen - da ist es nur gerecht, wenn ein Teil an die Betroffenen weitergereicht wird."

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