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Schwerin : Freie Sicht auf verfallene Villa

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Die Villa Hammerstein verfällt. Was Wildwuchs über Jahre verdeckt hatte, ist nun deutlich sichtbar. Denn die Besitzerin der Villa im Schlossgarten, die New Yorkerin Gabriele Hammerstein, ließ die Gehölze schneiden.

svz.de von
erstellt am 29.Dez.2011 | 10:26 Uhr

Die Villa Hammerstein verfällt. Was Wildwuchs in den vergangenen Jahren verdeckt hatte, ist nun für jedermann deutlich sichtbar. Denn die Besitzerin der geschichtsträchtigen Villa im Schlossgarten, die New Yorkerin Gabriele Hammerstein, hat die Gehölze auf dem Areal schneiden lassen.

Nach Informationen der Stadtverwaltung wurde das städtische Umweltamt Anfang November von dem im Auftrag Hammersteins tätigen Diplom-Ingenieur Rüdiger Jonas um einen Ortstermin gebeten. Es sollten Aufräumarbeiten auf dem Grundstück erfolgen. Bezüglich des Gehölzbestandes sollte der Bewuchs so entfernt werden, dass durch das Wurzelwerk entstehende Schäden an dem Gebäude zukünftig vermieden werden.

Im Prinzip handelte es sich um Stangengehölz, welches fast ausnahmslos Stammumfänge von weniger als 80 Zentimeter aufweist und damit nicht den Schutzbestimmungen der Baumschutzsatzung der Stadt Schwerin unterliegt. Gegen das Entfernen dieser Gehölze gab es von Seiten des Umweltamtes keine Bedenken.

Für einige wenige Bäume mit Stammumfängen von mehr als 80 Zentimeter will der beauftragte Ingenieur Jonas nach Informationen unserer Zeitung für die Eigentümerin einen Fällantrag stellen. Diese Bäume durften noch nicht geschlagen werden. Eine Fällgenehmigung sei durch die Stadt aber in Aussicht gestellt worden, weil diese Bäume mit dem Wurzelwerk die baulichen Anlagen erheblich gefährden. Laut Stadtverwaltung habe es auf dem Grundstück keine ungenehmigten Baumfällungen gegeben. "Die Absprachen des Ortstermines wurden eingehalten", hieß es aus dem Umweltamt. Aktuell liegt kein Antrag auf weitere Baumfällungen vor.

Ob die werterhaltenden Maßnahmen Auftakt für eine erneute Nutzung der Villa in der Weinbergstraße 1 sind, ist offen. Bislang hat Gabriele Hammerstein seit der Rückgabe ihres Familienerbes 1996 keine Initiativen unternommen, um den Zustand des Hauses zu verändern. Ihre bisherige Drohung, die Stadt Schwerin wegen der Nutzung des Hauses von 1992 bis 1996 auf Schadensersatz zu verklagen, hat die heute 87-Jährige ebenfalls noch nicht umgesetzt.

Was war geschehen? 1930 kaufte Gertrude Hammerstein mit ihrem Mann Erich Rosenhain die Villa, in der sie ein Sanatorium errichteten. 1935 musste die Familie vor dem Rassenwahn der Nazis nach Amerika fliehen. Seit Ende der 1930er-Jahre nutzte die Geheime Staatspolizei die Villa als Dienstgebäude. Nach dem Krieg diente sie der Roten Armee als Krankenhaus für hohe Offiziere. Später war die Villa ein Kinder-Krankenhaus.

Gabriele Hammerstein, die als Opernsängerin Karriere gemacht hatte, forderte Anfang der 1990er-Jahre Villa und Grundstück zurück. Die Stadt befürwortete zwar die Rückübertragung, doch diese wurde durch einen Widerspruch des übergeordneten Bundesamtes nicht rechtskräftig. Auch die Jewish Claims Conference - ein Zusammenschluss jüdischer Organisationen, der seit 1951 Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer des Nationalsozialismus und Holocaust-Überlebender vertritt - meldete plötzlich Ansprüche an. Doch das ließ sich die resolute Frau nicht bieten. Schließlich hatte sie die Nazis überlebt, es später mit dem KGB und der CIA aufgenommen und zwei Jahre DDR-Haft wegen Spionage überstanden. Tatsächlich zogen sowohl das Bundesamt als auch die Claims Conference ihre Widersprüche zurück. 1996 erhielt Gabriele Hammerstein die Verfügungsgewalt über die Villa.

Die berühmte Familie Hammerstein

Die Hammersteins sind eine illustre, weit verstreute jüdische Familie mit deutschen Wurzeln. Oscar Hammerstein wanderte 1863 von Berlin nach New York aus und avancierte dort zum Theater-Gründer. Auch die Zeitung U.S. Tobacco Journal ist eine Gründung Oscar Hammersteins. Dessen Enkel Oscar II wurde in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts am Broadway zum Musical-König.

Er schrieb unter anderem die später in Hollywood verfilmten Kassenschlager „Oklahoma“, „The King and I“ und „The Sound of Music“.

Der deutsche Zweig der Familie bestand aus namhaften Medizinern. Gertrude Hammerstein studierte noch während des Ersten Weltkriegs Medizin – für eine Frau in der Zeit eine Sensation. Gemeinsam mit ihrem Mann Erich Rosenhain gründete sie in Schwerin 1932 ein Sanatorium. Zu den Patienten zählten Berühmtheiten wie Albert Einstein und Thomas Mann.

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