Fotos einer geheimen Baustelle

<fettakgl>Das Baugeschehen in Peenemünde</fettakgl> 1936 bis 1942 kann Museumsdirektor Christian Mühldorfer-Vogt jetzt nachvollziehen mit Hilfe eines Fotoalbums vom ehemaligen Baustellenleiter Josef Greiner. <foto>dpa</foto>
Das Baugeschehen in Peenemünde 1936 bis 1942 kann Museumsdirektor Christian Mühldorfer-Vogt jetzt nachvollziehen mit Hilfe eines Fotoalbums vom ehemaligen Baustellenleiter Josef Greiner. dpa

svz.de von
12. Juli 2010, 09:48 Uhr

Peenemünde | Dass das beschauliche Peenemünde mit einem der größten und zweifelhaftesten Bauprojekte der Nationalsozialisten geschlagen werden sollte, verdankt der Ort einem Zufall: Im Dezember 1935 schaute sich der Physiker Wernher von Braun zwischen Prora und Binz auf Rügen nach einem Bauplatz für die Raketenversuchsanstalt um. Doch er kommt zu spät: Die NS-Organisation "Kraft durch Freude" hatte kurz zuvor das Gelände für das "Seebad der 20 000" an sich gerissen. Zügig musste ein Alternativplatz für die geheim geplante Anlage zur Entwicklung der V2-Raketen gefunden werden. Von Braun entdeckte ihn Anfang 1936 im Norden Usedoms. Neben der Abgeschiedenheit sprach das freie Schussfeld an der Küste für das Gebiet. Was die Bauherren nicht ahnten, mit Peenemünde begaben sie sich auf wahrhaft morastiges Terrain, wie neue Bilddokumente des Historisch-Technischen Museums Peenemünde zeigen.

Vom Sohn des einstigen Baustellenleiters Josef Greiner hat das Historisch-Technische Museum ein Fotoalbum mit 200 Originalbildern erhalten, von denen erstmals ab 16. Juli einige als Großformate in der Ausstellung "Gebaut für die Ewigkeit...?" im Außengelände gezeigt werden. Die Ausstellung begleitet die 3,9 Millionen Euro teure Sanierung der denkmalgeschützten Bauten der einstigen Heeresversuchsanstalt. Das Geld für die Restaurierung stammt aus dem Konjunkturpaket.

Greiner, von 1936 bis 1942 Baustellenleiter in Peenemünde, dokumentierte akribisch die Baugeschichte der gigantischen Anlage. "Die Dokumente haben für uns einen nicht zu bemessenden Wert", sagte Museumsdirektor Christian Mühldorfer-Vogt. Neben dem beigefarbenen Album umfasst das Konvolut auch eine Kommentarliste sowie zwei Bauberichte. Die Unterlagen geben einen plastischen Einblick in die Umstände des Baus 90 Prozent des Dorfes Peenemünde mit seinen reetgedeckten Fischerhäusern wurden für die Heeresversuchanstalt plattgemacht - dem seinerzeit weltweit größten militärischen Forschungszentrum.

Fotos dokumentieren, wie 15 Meter lange Betonpfähle massenweise in den mit Sand aufgeschütteten Boden des rund 20 Quadratkilometer großen Areals gerammt werden, um den Baugrund standsicher zu machen. Greiner berichtet von einer Pfahlfabrik auf der Großbaustelle, in der 2195 Pfähle gegossen wurden. Wo die stand, ist bis heute unklar. Den Nationalsozialisten war offenbar nichts zu teuer, um mit der Raketenschmiede ihre Fantasien von einer Weltraumwaffe in die Tat umzusetzen. Das Kraftwerk Peenemünde stehe für den damaligen Gigantismus des Nationalsozialismus, sagt Mühldorfer-Vogt. Ohne Zwangsarbeiter, da ist sich der Historiker sicher, hätte das Megaprojekt nicht gebaut werden können. Allein für den November 1941 werden rund 4400 Bauarbeiter gezählt. Darunter polnische und tschechische "Vertragsarbeiter". Die Arbeiter lebten in Gemeinschaftsunterkünften mit Ausgehbeschränkungen und militärischem Drill. "Das klingt nicht nach einem freivertraglichen Arbeitsverhältnis."

Greiners Unterlagen haben für die Historiker unschätzbaren Wert. Unklar ist allerdings, warum der Baustellenleiter auf der Baustelle des Geheimprojektes fotografieren durfte und wie die Bilder in Privatbesitz gelangten. "Eine spannende Frage, die ich nicht beantworten kann", sagt Mühldorfer-Vogt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen