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Revier Dadow: Schonendes Pflügen mit Kaltblütern : Forstwirtschaft wie vor 100 Jahren

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Douke Eekman mag diese Arbeit: Richtig schuften, kräftig zupacken, tief im Wald, wo es ruhig ist und garantiert niemand zu sehen: nur Kollege Frank Hübner und seine beiden geliebten Kaltblüter Svenja und Annabell.

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erstellt am 01.Apr.2011 | 07:45 Uhr

Kremmin/Dadow | Douke Eekman mag diese Arbeit: Richtig schuften, kräftig zupacken, tief im Wald, wo es ruhig ist und garantiert niemand zu sehen: nur Kollege Frank Hübner und seine beiden geliebten Kaltblüter Svenja, eine 12 Jahre alte, sowie Annabell, eine zehn Jahre zählende Stute. Seit ein paar Tagen sind die vier im Wald irgendwo im Revier Dadow zu Gange und pflügen behutsam den Waldboden wie zu Urgroßvaters Zeiten: mit Pferd und Pflug und jeder Menge Muskelkraft. "Es gibt auch heute noch keine bessere Zugmaschine für diesen Boden", sagt Eekman, der gebürtige Belgier. Derzeit ist Hochsaison für sie. Denn Douke Eekman und Frank Hübner, die sich auf die Waldarbeit mit Pferden spezialisiert haben, hängen nicht etwa einem nostalgischen Traum nach. Zugpferde im Wald sind wieder gefragt. Bis ein Kaltblüter für einen solchen Einsatz zu gebrauchen ist, muss er jedoch vier bis fünf Jahre alt, ausgewachsen und gewissenhaft trainiert sein. Körperliche Fitness und gegenseitiges Verständnis sind bei diesen Einsätzen unbedingt notwendig. Denn die Arbeit ist nicht ungefährlich.

Doch Svenja und Annabell sind ruhige Pferde. Stoisch machen sie ihre Arbeit und ziehen in einem Abstand von einem Meter Furchen in den lockeren Waldboden, der durchzogen ist von Wurzelwerk, herunterfallenden Ästen und jeder Menge Kiefernadeln, die in einer dicken, undurchdringlichen Schicht auf dem Waldboden liegen. Douke Eekman versucht mit seinen beiden Vierbeinern den Mineralboden unter dieser Schicht freizulegen, so dass die Rotbuchensaat, die auf etwa zweieinhalb Hektar Fläche folgen wird, die Chance hat, zu keimen, um zu neuen Bäumen heranwachsen zu können. Der Eisenpflug, den Douke Eekman und Frank Hübner benutzen, ist 320 Kilogramm schwer. Das Gerät scheint eher als Ausstellungsstück für ein Heimatmuseum geeignet als für den täglichen Gebrauch: "Aber er leistet noch sehr wertvolle Dienste", erklärt Douke Eekman. Das Pflugblatt dringe nicht zu tief ins Erdreich, verdichtet den Boden nicht. Schon vorhandenen kleinen Waldbäumen kann außerdem rechtzeitig ausgewichen werden. Ein Traktor würde in diesem Gelände alles platt fahren. Die beiden Stuten gehen da sensibler vor. Fünf bis sechs Stunden müssen die Kaltblüter täglich arbeiten. Für sie kein Problem. "Mit diesen Tieren kann man sehr lange arbeiten", sagt Eekman. Normalerweise würden sie heute nur noch als Rückepferde eingesetzt, um Baumstämme aus dem Wald zu ziehen. "Gepflügt wird eigentlich nur noch sehr selten."

Cornell Kuithan, Forstinspektor im Forstamt Ludwigslust und zuständig für Waldbau, Waldschutz und Förderung, zählt auf diese Methode, die vom Europäischen Landwirtschaftsfond für den ländlichen Raum gefördert wird. Die starke Humusschicht verhindere, dass die Rotbuchen Kontakt zum Mineralboden aufnehmen könnten. Durch das "Pflügen" erhalte der Wald die Chance, dass neue Bäume wachsen können. "Sie dienen dem ökologischen Unterbau, um so der Massenvermehrung von Insekten Einhalt zu gebieten", betont der 29-Jährige. Bislang fehle es in einigen Beständen an einem gesunden Unterbau. "Je mehr Stockwerke es in einem Wald gibt, desto mehr Artenreichtum erhält man", sagt Kuithan. Bis allerdings die ersten Pflänzchen wirklich wachsen, ist es noch ein langer Weg. "Wenn wir Glück haben, dann sehen wir schon im Juni die ersten Keimlinge." Die Fläche werde außerdem gegen Wildverbiss eingezäunt.

Sehr schonend für den Bestand seien das Pflügen sowie auch das Rücken von Stämmen durch Pferde, da der Boden wenig verdichtet werde. Öle und Kraftstoffe blieben nicht im Bestand zurück, höchstens etwas organische Substanz. Es komme nicht zu Rückeschäden an den Bäumen, da die Pferde die Stämme direkt hinter sich herzögen und den Bestand dadurch nicht beschädigten, weiß auch Frank Mahler zu berichten. "Früher hatte jedes Forstamt seine Pferde für die Arbeit in der Forstwirtschaft. Heute ist es richtiger Goldstaub, jemanden zu finden, der noch mit Pferden pflügt und rückt", erzählt der Forstamtmann, der in der Kremminer Forstbehörde für Holzvermarktung und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Die Zeit, als Kaltblüter noch sehr populär waren, was die Waldarbeit betrifft, ist noch gar nicht sehr lange her. Noch 1950 standen etwa 85 000 Traktoren ungefähr 1,2 Millionen Pferden gegenüber. Die schweren Arbeitspferde erleben in der Forstwirtschaft nun eine gewisse Renaissance. Sie sparen Kraftstoff, schonen Waldboden, Vegetation und Bäume. Übrigens: Wer Zugpferde statt schwere Maschinen im Wald einsetzt, der trägt nicht nur zum Naturschutz bei, er hilft auch den Kaltblütern. Ihr Bestand hat stark abgenommen. Und damit sie überleben können, brauchen sie wieder mehr Arbeit.

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