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Peenemünde als Weltkulturerbe? : Forscher attackiert Ministerpräsidenten

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Bildungsminister Tesch stoppte gestern auf Druck von Ministerpräsident Sellering vorerst seine Pläne, Peenemünde als "Wiege der Raumfahrt" langfristig als Weltkulturerbe anerkennen zu lassen.

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erstellt am 30.Mär.2011 | 12:28 Uhr

Bildungsminister Henry Tesch (CDU) stoppte gestern auf Druck von Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) vorerst seine Pläne, Peenemünde als "Wiege der Raumfahrt" langfristig als Weltkulturerbe anerkennen zu lassen. Sellering hatte kritisiert, dass Peenemünde vor allem ein Ort sei, "an dem die Nazis fürchterliche Waffen entwickelt haben" und zweifelt, dass dies mit der Aufnahme ins Weltkulturerbe vereinbar ist.

Der Cottbusser Denkmalschutz-Professor Leo Schmidt kann dieser Argumentation nicht folgen und kritisierte den Ministerpräsidenten. "Auch das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ist seit 2007 Weltkulturerbe", sagte er gestern gegenüber dieser Zeitung. Beim Weltkulturerbe gehe es um Dinge von universeller Bedeutung, die von Menschen geschaffen wurden, nicht nur "um Erhabenes und Schönheit". Wer historische Orte wie in Peenemünde verschwinden lasse, "der spielt den Tätern im Nachhinein in die Hände".

Nach den Weltkulturerbe-Plänen sind gestern vom Kabinett auch die Deichrückbau-Pläne für Peenemünde auf Eis gelegt worden. Die Landesregierung einigte sich darauf, ein Gutachten der Technischen Universität Cottbus abzuwarten, in dem untersucht wird, ob die Flächen hinter dem Deich besonders denkmalschutzwürdig sind, weil sie zum Gelände des ehemaligen Raketenforschungszentrums der Nazis gehörten. Das Gutachten wird für Ende des Jahres erwartet. Erst dann könne eine Entscheidung getroffen werden.

Damit hat sich Bildungsminister Henry Tesch (CDU) gegenüber Umweltminister Till Backhaus (CDU) durchgesetzt. Den Abriss des Deiches hatte Backhaus bislang befürwortet, um den dahinterliegenden Cämmerer See sowie insgesamt 950 Hektar Wiesen- und Waldfläche zu renaturieren. Damit könnten Investoren Ausgleichsflächen für Industrieansiedlungen in Lubmin angeboten werden. Minister Tesch ist gegen die Deichöffnung, weil damit die da rauf befindlichen Reste von Raketenbunkern und die Orte von drei Abschussrampen verschwinden.

Unterstützung bekommt Tesch vom Denkmalexperten Schmidt, der auch an einem Gutachten für die Landesregierung führend beteiligt ist, begründet er gegenüber unserer Redaktion, warum das Areal um den Cämmerer See zum potenziellen Weltkulturerbe gehört. Der Deich und die Pumpwerke hätten den Bau der Heeresversuchsanstalt Peenemünde erst möglich gemacht.

Das Kabinett beschloss gestern außerdem, im Norden Usedoms einen Riegeldeich zu bauen. Die Bürgerinitiative "Gegen Deichrückbau im Inselnorden" sieht diese Entscheidung als Teilerfolg. "Ein Rückbau des Peenestromdeiches wird nach Realisierung des Riegeldeiches in seiner ursprünglichen Form sehr unwahrscheinlich, weil mit großem zusätzlichem Aufwand verbunden", hieß es gestern in einer Mitteilung der Bürgerinitiative. Die einzig logische Konsequenz aus der aktuellen Entscheidung des Ministers ist es, die Pläne für einen Deichrückbau endgültig und für immer zu beerdigen.

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