Fischer aus Wendorf setzt Deutschen Edelkrebs aus eigener Zucht auf die Speisekarte

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09. April 2008, 07:37 Uhr

Wendorf - Zielsicher packt Hans Werner Thomas einen seiner rotbraunen Deutschen Edelkrebse am Rückenpanzer. Der Fischer aus Wendorf hat den Bogen raus. Obwohl das Tier wild mit seinen scharfen Scheren um sich schlägt, schafft das 20 Zentimeter lange, ausgewachsene Männchen es nicht, damit auf seinen Rücken zu langen. Genau das sei auch das Problem des Astacus astacus, der in freier Natur eine Überlebenschance von gerade mal 20 Prozent habe, erklärt der Fischer vom Plauer See. Aal, Otter und Raubwild seien die natürlichen Feinde des Krebses, vor allem dann, wenn er in seiner Wachstumsphase bis zu zehnmal im Jahr seinen schützenden Panzer abwerfe.

Fast zum Aus des Deutschen Edelkrebses führte aber vor rund 150 Jahren eine tödliche Infektionskrankheit, die mit eingewanderten amerikanischen Flusskrebsen um sich gegriffen hatte. In freier Natur sei der Edelkrebs inzwischen deshalb so gut wie ausgestorben, sagt Michael Zettler vom Institut für Ostseeforschung in Warnemünde. Der Limnologe (Wissenschaft von den Binnengewässern als Ökosystem) hat in den vergangenen Jahren nahezu jeden See und Fluss Mecklenburg-Vorpommerns nach den Krebsen abgesucht. Bei hunderten Einsätzen sei er gerade 23 Mal fündig geworden, sagt Zettler. Die größte Population habe er in der Barthe, einem Flüsschen in der Nähe der Kleinstadt Barth entdeckt.

Von dort hat sich Fischer Thomas vor drei Jahren insgesamt 25 Krebse für seine Nachzucht geholt, nachdem er sich für eine Idee des Schweriner Landwirtschaftsministeriums begeisterte. Experten hatten ein Konzept entwickelt, wie in geschlossenen Teichkreisläufen der Deutsche Edelkrebs zu neuem Leben erweckt werden könne. Für die Krebszucht hat Thomas auf seinem Fischereihof in Wendorf eigens einen neuen Teich mit „superreinem Brunnenwasser“ angelegt. Er besorgte er sich mehrere löchrige Kalksandsteine und versenkte und die als Rückzugsquartiere für die Krebse mitten im gut zwei Meter tiefen Teich.

„Ein Jahr lang passierte gar nichts, doch dann, an einem warmen Spätsommerabend, krabbelten plötzlich Hunderte ans Ufer“, erinnert sich der Fischer. Die nur drei bis vier Zentimeter langen Tiere suchten Futter: Abgestorbene Pflanzen, angespülte tote Fische, Schnecken, Larven. „Die fressen alles, was sie finden und packen können. Deshalb gelten sie auch als Öko-, als Gewässerpolizei“, erzählt Thomas.

Inzwischen besitzt der 52-Jährige vier Teiche mit tausenden Krebsen mehrerer Jahrgänge. Zur Jahreswende haben sich die Tiere wieder gepaart. Bis zu 200 befruchtete Eier tragen die Weibchen jetzt bis etwa Juni mit sich herum. Mit steigenden Wassertemperaturen schlüpft die neue Generation. Einige werden wieder in die Barthe zurückgebracht, denn der Aufbau einer eigenen Krebswirtschaft und das Auswildern zum Erhalt der Art bilden für den diplomierten Fischer eine Einheit.

Im vergangenen Sommer habe er in seinem Restaurant am Plauer See erstmals Krebsessen angeboten, erzählt Thomas. „Alles selbst produziert“, erklärt der Züchter mit sichtbarem Stolz. Gut 100 Gramm sei jeder Krebs im dritten Jahr schwer, wobei die Männchen einiges mehr unter dem Panzer hätten als die Weibchen. „Wie an das gut schmeckende, eiweißhaltige Fleisch heranzukommen ist, muss ich den Gästen meist erst erklären. Vor 100 Jahren dagegen war das noch ein Allerweltsessen.“

Wolfgang Jansen von der Landesforschungsanstalt für Fischerei in Rostock, der das Entwicklungsprogramm koordiniert, wünscht sich mehr solcher Investoren. Der Experte hilft beim Aufbau neuer Teichwirtschaften sowohl mit Know-how als auch mit Geld aus einem Fördertopf, der noch bis 2009 bewilligt ist. Neben den beiden bereits bestehenden Projekten in Wendorf sowie in Basthorst bei Crivitz gebe es zwei weitere Interessenten in Barth und auf Rügen, sagte Jansen.

Weil das Geschäft so gut läuft, will Fischer Thomas seinen bislang vier Teichen weitere folgen lassen. Aber kein Krebs wird den Hof wohl so schnell verlassen. „Entweder kommen die gleich auf den Teller oder ich verkaufe die im eigenen Hofladen. Vom Großhandel mache ich mich nicht abhängig.“

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