Firmen buhlen um Lehrlinge

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13. Oktober 2008, 06:17 Uhr

Schwerin - Vorzeichenwechsel auf dem Ausbildungsmarkt in MV: Jahrelang blieben zu Lehrjahresbeginn hunderte, in den schwersten Krisenzeiten gar tausende Schulabgänger ohne Ausbildungsplatz, weil betriebliche Lehrstellen fehlten. Damit ist jetzt Schluss: In diesem Jahr gebe es erstmals mehr unbesetzte Ausbildungsplätze als unversorgte Bewerber, erklärte Wirtschafts- und Arbeitsminister Jürgen Seidel (CDU) gestern der Lehrstellenbilanz in Schwerin. Das hat es die letzten 18 Jahre nicht mehr gegeben. Seidel: „Ein Paradigmenwechsel.“ Je unversorgtem Jugendlichen standen Ende September zwei Ausbildungsstellen zur Verfügung, sagte Jürgen Goecke, Chef der Landesagentur für Arbeit Nord – 329 Bewerber zu 615 offenen Plätzen in den Unternehmen.

Inzwischen bleiben in der Wirtschaft die Lehrlinge weg. Wegen der demografischen Entwicklung hätten sich in den vergangenen zwölf Monaten mit 16 200 Bewerbern fast ein Viertel weniger junge Leute um eine Lehrstelle bemüht als 2007, erklärte Goecke. Die Bewerbernot wird noch größer: Mit 10 000 jungen Leuten würden 2010 nicht einmal mehr halb so viele Jugendliche die Schule verlassen wie noch 2004. Gab es 2004 noch 16 500 Haupt- und Realschüler in MV, werden es 2010 nur noch 5000 sein, rechnete Seidel und forderte von den Unternehmen, u. a. durch bessere Bezahlung die Ausbildungsbedingungen zu verbessern. „Kluge Unternehmen wissen, wie wichtig die Vergütung ist.“ Einige Branchen hätten bereits reagiert, um junge Leute zu halten. So habe das Hotel- und Gaststättengewerbe die Ausbildungsvergütung um 16 Prozent erhöht. „Das reicht aber noch nicht“, meinte Seidel.

Wer nicht ausbildet, bekommt bald keine Lehrlinge mehr
Unter den Betrieben habe der Wettbewerb um die Lehrlinge begonnen, sagte Edgar Hummelheim, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Schwerin. 14 Prozent der Ausbilungsplätze hätten nicht mehr besetzt werden können – zum Beispiel im Gebäudereiniger- und Nahrungsmittelhandwerk. Wirtschaft, Arbeitsverwaltung, Land – nach der von den Jugendlichen jahrelang gesammelten Erfahrung erfolgloser Bewerbungen müssten jetzt „alle den jungen Leuten das Gefühl des Gebrauchtwerdens vermitteln“, sagte Seidel. „Wer jetzt nicht ausbildet, bekommt bald keinen Lehrling mehr. Es ist schon ein Gebot der wirtschaftlichen Vernunft, dass die Unternehmen durch Ausbildung den eigenen Nachwuchs sichern.“ Dabei könne es sich MV nicht mehr leisten, dass junge Leute ohne Abschluss die Schule verlassen würden. Zugleich müsse die Berufsfrüherkennung verbessert werden.

Mit dem Überangebot auf dem Lehrstellenmarkt müsse MV in der bevorstehenden demografischen Entwicklung nicht nur Probleme, sondern auch Chancen sehen. „Junge Leute werden in MV gebraucht“, meinte Seidel. „Es gibt einen echten Bedarf an Fachkräften.“ Daran ändern Arbeitsmarktforschern zufolge auch die aufziehenden Konjunkturwolken nichts. Das Land sei von der Weltwirtschaft eher unterproportional betroffen, meinte Goecke. „Mecklenburg-Vorpommern braucht Fachleute. Das ist sicher.“

Hintergrund


Mehr Geld für Bildung
Gut eine Woche vor dem Bildungsgipfel hat die CDU ihre Position festgelegt. Der CDU-Bundesvorstand stimmte gestern mit breiter Mehrheit für ein Bildungspapier. Damit soll es mehr Geld für Bildung und bundesweite Prüfungen in Deutsch und Mathematik geben.

„Ich bin sehr zufrieden“, sagte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Es sei ein wichtiges Signal, bis 2015 zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung und Forschung zu investieren. Außerdem solle das Bildungssystem durchlässiger werden – und damit mehr Chancen für alle bieten. Bei dem Streit zwischen CDU-Ministerpräsidenten ging es um die Frage nach mehr Einfluss des Bundes und mehr Geld für die Länder. Die Unionsländer hatten gefordert, dass der Bund den Ländern mehr Geld aus dem Bildungsetat ohne konkreten Verwendungszweck gibt. Am 22. Oktober beraten Bund und Länder in Dresden.


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