Filmische Zeitzeugen einer Region

Parchim hat einen Chronisten, der mit der Kamera all das festgehalten hat, was in den vergangenen 50 Jahren zu den Höhepunkten der Stadtgeschichte zählte. Seine Schmalfilme entführen aber auch in die Dörfer rund um Pütt.

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14. Mai 2008, 08:41 Uhr

Parchim - Eigentlich sollte der 1. Mai so etwas wie eine Reise in die Vergangenheit werden für Heinz Gräser. In der Gaststätte in der Putlitzer Straße wollte er das Maifest von 1958 in Filmszenen wieder lebendig werden lassen. Doch der Fortschritt der Technik machte dem Parchimer einen Strich durch die Rechnung.

Im Enkelzimmer der Neubauwohnung in der Lönniesstraße hält Heinz Gräser eine Rolle acht Millimeter Schmalfilm in den Händen. Zeugnis einer Zeit, in der es noch eine stadteigene Kapelle und die große Tribüne am Buchholz gab. Lange ist das her. Gerade einmal dreißig Jahre alt war er da, der Betriebselek-triker und gelernte Filmvorführer.

Seine Maria hat ihn sieben Jahre zuvor an die Elde geholt, den gebürtigen Breslauer, der stets mit einer Filmkamera unterwegs war. Der hier in Parchim eine Arbeitsgemeinschaft für Amateurfilmer begründet, seine Nachmittage in Schulen verbracht hat, um Kindern und Jugendlichen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu ermöglichen, wie er sagt.

Nun sitzt er vor einem braunen Schrank. Kann die Meter an Filmrollen und Tonbändern nicht zählen, die hier lagern. In seinem Archiv, das den Makel hat, mit der heutigen Technik nicht mehr mithalten zu können. Dass das Heinz Gräser betrübt, sieht man ihm an, wenn er die grauen, flachen Blechdosen hervorzieht, in denen 50 Jahre Händelchor oder 30 Jahre LIW eingerollt sind. Dabei hat sich der 81-Jährige nie gegen die moderne Technik gewehrt. Zwei Videorecorder stehen übereinander neben einem kleinen Schnittpult und dem Tonbandgerät. Das Mikrofon – geschützt mit einer Plastiktüte – liegt dazwischen. Manche der Schmalspurfilme müssen noch nachvertont werden. Biographien und Chroniken, aber auch Beiträge für den Fernsehfunk der DDR sind unter seiner Kameraführung entstanden.
25 DDR-Mark
für StreichholzbastlerEinen Streichholzbastler hatte er damals vor der Linse. In den Fernsehstudios in Berlin-Adlershof wurde der Filmbeitrag des Parchimer Telekorrespondenten dann für die „Aktuelle Kamera“ aufbereitet. Heinz Gräser zieht aus einem Stapel Dokumente eine vergilbte Abrechnungskarte hervor: 25 DDR-Mark hat er dafür bekommen. „Das war im Grunde alles nur nebenbei“, sagt er. Hauptberuflich war Heinz Gräser stattdessen in Parchim und im Landkreis unterwegs – mit einem mobilen Filmvorführgerät. „Film fand Gefallen“ war etwa in der SVZ vom 6. Dezember 1967 zu lesen. Den Artikel hat er aufgehoben, so wie alles, was mit seinem Filmleben zu tun hat. Doch Heinz Gräser hat mindestens ebenso leidenschaftlich selbst gefilmt wie vorgeführt. Warum, das kann er gar nicht so genau sagen. Es scheint zu selbstverständlich, als dass er darüber nachdenken müsste. Seit Beginn des Jahres aber hat er die Kamera zur Seite gelegt. Seine Maria braucht nun volle Aufmerksamkeit. Heinz Gräser hat begonnen, sein Archiv für die Neuzeit der Technik zu rüsten, die Schmalspurfilme auf Video zu überspielen. Mit Barbara Holdt von der Bibliothek hat er gesprochen, hat sie gefragt, ob die filmischen Zeitzeugen in die Ausleihe aufgenommen werden können. „Das sieht ganz gut aus“, ist er zuversichtlich. Schließlich, so hofft er, müsse man das Vorhandene doch bewahren.

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