Filet unter dem Regelsatz

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Die Erkenntnis kam nach mehr als 100 Bewerbungen ohne Erfolg. Wenn Kurt Meier (54) und Uwe Glinka (54) den Hartz-IV-Teufelskreis jemals wieder verlassen wollten, mussten sie selbst etwas auf die Beine stellen. Das haben die Niedersachsen getan. In ihrer Broschüre "Kochbuch für Arme" verraten sie Hartz-IV-Empfängern 28 Tagesmenüs, die preislich unter dem Regelsatz von 4,33 Euro pro Tag pro Person liegen. Damit hat es das Team bereits zwei Mal auf die Couch von Günther Jauch geschafft. Täglich beantworten die beiden mehr als 1000 Emails, die reinweg positiv sind. "Beinahe unheimlich", sagt Meier.

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30. Januar 2009, 07:32 Uhr

Lüdershausen | Da hilft nur noch strikte Arbeitsteilung. Uwe Glinka verhandelt mit sozialen Einrichtungen und Verbraucherzentralen, Kurt Meier beantwortet die täglich oft mehr als 1000 Emails und die zig Glückwunsch-Briefe. Er macht auch die Pressearbeit, führt Kameramänner durchs Haus, vertröstet Anfragen per Telefon auf "vielleicht heute Nachmittag" und sagt seiner kleiner Tochter, dass Papa gerade ein wichtiges Gespräch führt. So viel Schulterklopfer habe Meier in seinem 400-Seelen-Heimatdorf Lüdershausen bei Lüneburg bereits erhalten, "dass ich ganz schief gehe". Der Wunsch nach Aufmerksamkeit, ja, der wäre wohl da gewesen. "Aber dass unsere Broschüre so einschlägt", nein, das hätten die beiden Männer nie für möglich gehalten.

Ein trauriger Kennenlern-OrtZumal: Der Ort, an dem die Erfolgsgeschichte begann, ist ein eher trauriger. Kurt Meier und Uwe Glinka, der Informationselektroniker und der Autoverkäufer, haben sich Anfang 2008 bei einer dreimonatigen Weiterbildungsmaßnahme "50plus" des Arbeitsamtes kennengelernt. Beide waren Hartz-IV-Empfänger, beide hatten bereits etliche Bewerbungen in diversen Briefkastenschlitzen verschwinden lassen. Ohne Erfolg. Meier: "Ich hatte bei mehr als 100 Bewerbungen nicht eine Einladung zum Vorstellungsgespräch." Und die Unterlagen seien nach dem Training perfekt gewesen. "Ganz klar, für den Arbeitsmarkt sind wir zu alt."

Als nun Glinka und Meier in der Weiterbildungsmaßnahme zusammenarbeiteten, beide in der Administration einer fiktiven Firma, stellten sie fest: "Mensch, wir ergänzen uns ja prima." Sie waren sich außerdem darin einig: Weitere Bewerbungen werden nichts nützen. Also selber machen. Aber was? Die zündende Idee kam von Glinka. "Es müsste doch mal ein Kochbuch für Arme geben", hatte er gesagt. Angestachelt von den immer gleichen Äußerungen anderer Hartz-IV-Empfänger aus dem Kurs, der Regelsatz würde gerade in Bezug auf das Essen vorne und hinten nicht ausreichen.

Richtige Arbeitstage - selbst auferlegtEin Kochbuch, das wirklich angibt, wie teuer genau das Gericht ist. Das habe es, die beiden recherchierten es sofort, so vorher noch nicht gegeben. Also los. Die Männer wohnen, was für die folgende Recherche-Arbeit sehr praktisch war, nur zwölf Kilometer voneinander entfernt. "Wir haben uns mal hier und mal dort getroffen", sagt Meier. Nicht aber larifari, wenn nicht heut, dann morgen. "Wir haben richtig gearbeitet, ehe wir zu Hause rumhängen, wollten wir einfach nützlich sein." Der Ansporn: die Idee, von der beide überzeugt sind.

Der erste Schritt: Die Männer fragten deutschlandweit bei Landfrauen-Vereinen an, ob diese nicht günstige und leicht zuzubereitende Kochrezepte für sie hätten. "Wir haben die Landfrauen gefragt, weil diese Nachkriegsgeneration damals ja auch aus wenig viel machen musste, und das noch nahrhaft." Die Idee war die richtige: Mehr als 300 Rezepte kamen zusammen. "Die Vereine waren durchweg angetan von der Idee."

Der zweite Schritt: Die Rezepte in der Hand - die Herren seien im Übrigen keine Kochgrößen - galt es nun, 28 Tagesmenüs (gerechnet für zwei Personen) zusammenzustellen, Essen für einen ganzen Monat. "Wir haben immer geschaut, dass es auch abwechslungsreich ist, dass es auch Fisch gibt und so weiter", so Meier. Die alles entscheidende Frage war bis dato aber noch nicht geklärt. Bleiben die Menüs unter dem Regelsatz von 4,33 pro Person?

Geschnüffelt in Rezepten der NachkriegszeitDeswegen, der dritte Schritt: der Gang mit Stift und Zettel in die größten acht Discounter. Dort haben Glinka und Meier jeweils die Preise von allen Zutaten notiert. "Das war wirklich eine sehr zeitaufwendige Arbeit", erinnert sich Meier. Sonderpreise blieben außen vor. Die erste Erkenntnis: "Die Preise unterscheiden sich wirklich nur minimal, es sind Pfennige, als ob sich die Discounter abgesprochen hätten." Glinka und Meier haben so mit einem eigens erstellten Programm den Mittelwert der notierten Preise für jede Zutat ermittelt, so dass letztlich egal ist, ob der Hartz-IV-Em pfänger nun bei Aldi oder bei Lidl einkauft. Umgerechnet auf ein Tagesmenü - jedes Mal berechnet für zwei Personen - kam die eigentliche Überraschung: "Jedes Menü blieb tatsächlich unter dem Regelsatz." Das erste Schulterklopfen haben sich die beiden Männer gegenseitig verpasst. Gut gemacht!

Im Mai 2008 hatten sie mit der Recherche begonnen, jetzt war es Mitte Oktober. Gerade an die Öffentlichkeit gegangen, war auch schon Günther Jauch auf sie aufmerksam geworden. Am 19. Dezember sind sie bei Stern-TV. Die Broschüre ist noch nicht gedruckt, aber man kann sie einen Monat lang herunterladen. Das tun eine Million Menschen.

Am 17. Dezember fahren Glinka und Meier nochmal zu Jauch, da erscheint das Heftchen "Günstig und ausgewogen ernähren - entsprechend dem Regelsatz Hartz-IV". 5000 Stück in der Erstauflage - schon ausverkauft. Fernsehsender stehen Schlange. Und jetzt?

Jetzt führen die beiden Verhandlungen, mit Discountern, die die Broschüre bei sich verkaufen könnten. Und mit Verlagen, die das Heftchen umfangreicher als Buch herausbringen wollen. "Nehmen die Discounter uns 300 000 Blätter ab, sind wir am nächsten Tag selbstständig, klar", so Meier. Der Stoff würde nicht ausgehen. Die beiden tüfteln schon an einem Ratgeber zum Thema Haushalt - so es die Zeit kurz zulässt. Noch ist aber nichts unterschrieben.

Zu Stefan Raab? Nein!Derweil unterstellen Bekannte schon, dass die erfolgreichen Zwei doch längst reich geworden sein müssten. "Nix ist", sagt Meier. Klar gebe es Geld bei Jauch, aber sie müssten ja auch dahinkommen und übernachten. Und dann die Druckkosten… Nein, noch seien Glinka und Meier normale Hartz-IV-Empfänger. Meier hält es wie sein Großvater, der habe immer gesagt: "Ehe nichts aufs Konto kommt, ist alles brotlose Kunst." So lange wollen die beiden den Ball flach halten. Und längst nicht jeder Presseanfrage nach kommen: "Auch Stefan Raab hat gefragt, wir wollten aber nicht. Nachher werden wir noch von ihm veräppelt, nein, das brauchen wir nicht."

Nur ein paar wenige missdeuteten Botschaft der beiden Niedersachsen: "Wir wollen nicht sagen, strengt euch nur an, Hartz-IV ist genug zum Leben, wir wollen Hilfe in einer Notlage geben, das ist alles."

Broschüre:

gm-businessconcept@gmx.de

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