Sommer-Open-Air des Staatstheaters in Schwerin : Festspiele zwischen Markt und Kunst

Trotz Knaller und Funkenregens von Requisitenmeister Andreas Albrecht war die Aufführung der Verdi-Oper 'Die Macht des Schicksals' bei den Schlossfestspielen 2010 kein Publikumserfolg. 25 000 Gäste wurden gezählt - deutlich weniger als in den Vorjahren. Klawi
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Trotz Knaller und Funkenregens von Requisitenmeister Andreas Albrecht war die Aufführung der Verdi-Oper "Die Macht des Schicksals" bei den Schlossfestspielen 2010 kein Publikumserfolg. 25 000 Gäste wurden gezählt - deutlich weniger als in den Vorjahren. Klawi

Nach dem diesjährigen Rückgang der Besucherzahlen des Sommer-Open-Airs des Mecklenburgischen Staatstheater wird eine Debatte um die künftige Ausrichtung des Kultursommer-Highlights geführt.

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19. November 2010, 10:47 Uhr

Deutsche Spieloper des 19. Jahrhunderts statt Verdi - das ist der Vorschlag des Schweriner Stadtvertreters und SPD-Kulturexperten Rudolf Conrades für die Schlossfestspiele.
Conrades hat dazu ein vierseitiges Exposé erarbeitet, in dem er für eine Neuprofilierung des Schweriner Sommerspektakels "mit leichtfüßigen deutschsprachigen Opern aus der Zeit zwischen Beethoven und Wagner" plädiert. Doch Generalintendant Joachim Kümmritz hält dagegen: Die Schlossfestspiele seien in ihrer bisherigen Ausrichtung stets erfolgreich gewesen - wenngleich in unterschiedlichem Maße - und hätten zusätzliche Einnahmen für das Theater erwirtschaftet. Neue Wege sollten durchaus geprüft und gegebenenfalls auch beschritten werden, dürften jedoch angesichts des Haushalts drucks, der auf dem Theater lastet, kein finanzielles Risiko oder gar Fiasko bringen.

Um die Analysen und Vorschläge von Conrades detailliert und umfassend zu debattieren, hatte der erfahrene Theatermacher den erfahrenen Kulturmanager zu einem ausgiebigen Gespräch eingeladen. Der Fraktionsvorsitzende der SPD in der Stadtvertretung, Daniel Meslien, und die Chefdisponentin des Theaters, Dr. Ute Lemm, diskutieren mit.

Der Intendant benannte ganz offen die Grundprämisse für die Schlossfestspiele: "Mein Auftrag ist, Geld einzuspielen. Das Sommer-Event darf keine zusätzlichen Kosten verursachen und soll möglichst Gewinn bringen. Das ist uns bisher gelungen, in manchen Jahren in Millionenhöhe, in diesem Sommer nur bei plus-minus-null. Aber wenn sich die Rahmenbedingungen nicht ändern, gibt es keinen Grund, dieses Konzept in Frage zu stellen", so der Intendant.

An der Grundkonzeption, im Sommer Oper unter freiem Himmel zu spielen, wollte auch Conrades nicht rütteln, zumal bei Aufführungen im öffentlichen Raum immer auch der Lautstärkefaktor eine entscheidende Rolle spielt. Con rades führte aber ins Feld, dass die Komponisten der so genannten "Spieloper" wie Carl Maria von Weber, Albert Lortzing, Otto Nicolai oder Friedrich von Flotow, der in Paris Erfolge feierte und sieben Jahre als Intendant in Schwerin wirkte, im 19. Jahrhundert ausgesprochen populär gewesen seien. "Flotows Oper Martha war zwischen 1850 und 1900 die weltweit erfolgreichste", erinnerte Conrades. Das müsse man nutzen. Musik aus dieser Zeit, in der die Residenzstadt Schwerin maßgeblich ihr heutiges Aussehen erhielt, könne der Einstieg in ein eigenes Schweriner Festivalprofil sein. Angesichts der Vielzahl von Open-Air-Events müsse es gelingen, eine Nische zu entdecken, auszubauen und so Leute zu holen. Dafür seien die romantischen Opern geeignet.

Das sieht der Generalintendant nicht so. "Unter den 100 in Deutschland am meisten gespielten Opern befindet sich nicht eine einzige aus diesem Bereich", listete Kümmritz auf. Die 16 Aufführungen der Oper "Martha" am Mecklenburgischen Staatstheater in der vergangenen Saison hätten insgesamt 6000 Besucher angelockt. "Kein schlechtes Ergebnis, doch damit bekomme ich die Schlossfestspiele nicht wirtschaftlich gestaltet", versicherte Kümmritz. Und auf privates oder öffentliches Sponsoring in Millionenhöhe, von dem andere renommierte Festivals leben, könne er für die Schlossfestspiele nicht rechnen. Dies schränke auch die technischen Möglichkeiten ein. "Eine Seebühne wie in Bregenz kostet Millionen. Das können wir uns nicht leisten", erläuterte Kümmritz. "Statt 20 Millionen Euro haben wir nur 800 000 zur Verfügung."

Aber neue Wege wollen die Theatermacher schon gehen. Nicht nur, dass im nächsten Jahr auf der Freilichtbühne gespielt wird. Der "Freischütz" werde von einem Erlebnisbereich und dem Gartensommer eingerahmt. Schützenfest ambiente, Jagdhundeschau, Auftritte von Jagdhornbläsern und Chören gehören zum Programm. "Der Aufsichtsrat hat die Schlossfestspiele im Blick, denn sie sind wichtig für das Theater und für Schwerin. Dass über neue Ideen und Gedanken diskutiert wird, ist gut und hilfreich, wenn es sachlich erfolgt", betonte Aufsichtsratsmitglied Manuela Schwesig.

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