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18. Dezember 2017 | 09:53 Uhr

Feier unter fünf Sternen

vom

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erstellt am 30.Sep.2010 | 08:44 Uhr

Warnemünde | Nach der Bundestagsdebatte zur Deutschen Einheit am Vormittag in Berlin, am Nachmittag Warnemünde und der Osten pur: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist in diesen Tage vor dem 20. Geburtstag der Wiedervereinigung viel gefragt. Am Hotel Neptun wird sie von einer kleinen Menge erwartet. Acht bis zehn Umweltaktivisten demonstrieren gegen ein Atomendlager in Lubmin, das nicht geplant ist und gegen "längere Laufzeiten". Man ist eben in MeckPomm.

Die Sonne strahlt die Wolken weg. Das Wetter am Warnemünder Strand ist einfach zu schön, um die kleine Einheitsfeier der Ost-Ministerpräsidenten im Fünf-Sterne-Hotel zu vermiesen. Eine einzige Frau schreit der Kanzlerin ins Gesicht: "Leben Sie mal von Hartz IV". Ost-Rentner Hans Kufs aus Groitzsch bei Leipzig ist aus seinem Fünf-Sterne-Zimmer nach unten gekommen, um die Kanzlerin zu sehen.

Mit der Einheit ist es gut, sagt Rentner Kufs

Der ehemalige Bergmann ist zufrieden mit den vergangenen 20 Jahren. Er erzählt von den Tagebauen in seiner sächsischen Heimat, von den giftigen Dämpfen der DDR-Schwelereien, die inzwischen längst geschlossen sind. "Mit der Einheit ist es gut", sagt Rentner Kufs, "aber einiges geht noch. Es gibt Berufe, da wird genauso gearbeitet wie im Westen, aber noch nicht so verdient." Auch wenn Hans Kufs eine ganz persönliche Einheits-Bilanz in Worten und Wohnen liefert, sie trifft sich ziemlich genau mit dem Resultat, zu dem drinnen in der folgenden Stunde die fünf Ministerpräsidenten, der Regierende Bürgermeister von Berlin und die Kanzlerin bei ihrer Analyse des Standes der Deutschen Einheit kommen. Schon zuvor hatte Gastgeber Erwin Sellering (SPD) erklärt: Ja, man sei zufrieden aber nun müsse es auch weiter gehen mit dem Solidarpakt Ost. Noch sei man mit dem Aufbau nicht da, wo man gerne wäre.

"Wo sind sie, die blühenden Landschaften", wird die Bundeskanzlerin gefragt. Und die kann sich gar nicht bremsen: "Warnemünde", flüstert ihr Sellering zu. "Hier in Warnemünde", sagt sie, "aber auch auf Rügen, in Stralsund, den Darß nicht vergessen..." Die Bundeskanzlerin sieht die neuen Bundesländer 20 Jahre nach der Wende auf gutem Weg zu einem selbst tragenden Aufschwung. "Der Osten hat Vieles erreicht, die Arbeitslosenzahlen speziell in den neuen Bundesländern sind ermutigend", sagt Merkel.

Dennoch gebe es noch wie vor große strukturelle Unterschiede. "Der Solidarpakt II ist der Rahmen, in dem wir arbeiten. Er gilt bis 2019", verspricht die Bundeskanzlerin. Sie tritt in Warnemünde Zweiflern entgegen. Immer wieder war in den letzten Monaten der Ruf nach einem "Solidarpakt West " laut geworden. Jetzt sei endlich mal der Westen dran, wird in Köln und Düsseldorf, Stuttgart und Regenburg gemäkelt. Noch knapp eine Milliarde Euro erhält MV derzeit aus dem Solidarpakt, ein Siebtel des Haushaltes. 430 Millionen kommen an zusätzlichen Bundeszuweisungen hinzu. Bis Ende 2019 schrumpft der warme Regen auf Null.

Ministerpräsident Sellering gießt denn auch ein wenig Wasser in den Wein: Es ist Großes geleistet worden. Die Menschen im Osten können stolz sein. Aus dem Westen kam in den letzten 20 Jahren en große Solidaritätsleistung. Aber: "Wir haben noch keine gleichwertigen Lebensverhältnisse." In einer Warnemünder Erklärung sprechen sich die Ministerpräsidenten für eine Aufholprozess in der Wirtschaft speziell durch die Stärkung von Forschung in den Unternehmen aus. Sie fordern Übergangsregelungen nach Auslaufen der EU-Förderung 2013. Und sie widmen sich dem Thema Renten-Einheit durch eine Ost-West-Angleichung ohne Benachteiligung der Wendearbeitslosen im Osten. Merkel verspricht Verhandlungen.

Am Freitag wird die Kanzlerin erneut Bilanz ziehen, gemeinsam mit Helmut Kohl in Hamburg. Rentner Kufs wird sich auch das ansehen. Im Fernsehen - und in seinem Fünf-Sterne-Zimmer feiern.

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