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22. November 2017 | 23:29 Uhr

Familie statt Heim

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erstellt am 23.Dez.2009 | 05:44 Uhr

Rostock | Wie viele Adventskalender passen in ein Haus? "Oje, da muss ich erst mal nachzählen", grübelt Sabine Lechner. Ein halbes Dutzend kommt bei der Rostocker Familie gut und gern zusammen. Denn neben der täglichen Überraschungsration für Mama, Papa und die zwei eigenen Sprösslinge ist das Türchenöffnen auch bei den beiden Pflegekindern der Lechners bis zum Heiligabend Pflichtprogramm.

Die zweieinhalbjährige Valerie*, die ihnen die Caritas im Februar vermittelte, hätte bei der leiblichen Mutter wohl kaum die Chance gehabt, das Fest so zu erleben. "Sie hat eine schwere Vergangenheit", detuet die Pflegemutter an. Zur Bescherung wollen die Lechners in diesem Jahr Verwandtschaft im niedersächsischen Gifhorn besuchen - "sonst machen wir das mit den Kinder eigentlich immer hier", sagt die gelernte Krankenschwester. Ihr Mann Christian, der bei der Feuerwehr arbeitet, nutzt die schichtfreien Tage, um mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen. "Mama und Papa waren die ersten Worte, mit denen Valerie uns ansprach", erzählt er.

Die Betreuung der Kleinen ist eines von derzeit 86 "laufenden Pflegeverhältnissen", die die Rostocker Caritas in 60 Familien vermittelt hat. "Ihre echte Mutter sieht Valerie fast nicht", berichtet Sabine. Beim knapp ein Jahr älteren Halbbruder Frederik* sei das anders. "Er hat wöchentlich Kontakt." Derweil hat der eigene Nachwuchs, Julia* (10) und Theresa* (11), die Jüngeren längst als Geschwister ins Herz geschlossen. Auch zu den anderen sieben Kindern, die sie früher betreute, hat die Familie ein inniges Verhältnis. So nahtlos wie bei den Lechners funktioniert die Vermittlung von Heimkindern nicht immer, sagt der Geschäftsführer des Caritas-Kreisverbands Rostock, Bernhard Peitz. "Beide Seiten müssen zueinander passen." Die meisten Kinder seien jünger als acht Jahre, einige verunsichert oder "entwicklungsbeeinträchtigt". "Viele kommen aus Problem-Elternhäusern, haben kaum Strukturen kennengelernt und Vertrauen aufgebaut."

Derlei Defizite sollen in den Ersatzfamilien behoben werden. Zuvor müssen sich Pflegeeltern in spe intensiven Prüfungen unterziehen. Auf Vorbereitungskurse zu psychologischen und rechtlichen Grundlagen der Pflege folgen Seminare zur Analyse der eigenen Familiengeschichte und mehrere Hausbesuche. Nach rund sechs Monaten erstellen Caritas und Jugendamt dann ein Bewerberprofil. Kernkriterium ist, dass das Kind in der Familie versorgt, betreut und erzogen werden kann, wie es das Sozialgesetzbuch fordert. Wer den abschließenden Check durchs Jugendamt besteht, kommt in den "Vermittlungspool" der Caritas. "Wichtig ist, dass die Eltern sicher im Leben stehen - denn ein Kind geht maximal zweimal eine neue feste Beziehung ein", sagt Mitarbeiterin Claudia Strübing. Jugendamts-Abteilungsleiterin Elke Schmidt wünscht sich noch mehr Interessenten. Bislang lebten im Raum Rostock nur 15 Prozent der stationär untergebrachten, hilfebedürftigen Kinder in Familien. "Die übrigen sind in Heimen, WGs oder im betreuten Wohnen." Speziell die Langzeit-Betreuung bringe Kindern und Erwachsenen Vorteile. Indes dürfe man die Dauerpflege nicht mit einer Adoption verwechseln - die Caritas hat deshalb auch "gelingende Rückführungsprozesse" im Angebot. * Namen der Kinder geändert

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