Falsche Weichen, keine Jobs

von
31. Juli 2008, 09:25 Uhr

Schwerin/Kiel - Ausgerechnet diejenigen, die Verantwortung für Jobs tragen, sind für die Misere am ostdeutschen Arbeitsmarkt verantwortlich. Zu diesem Ergebnis kommen die Experten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Prof. Dennis Snower und sein Kollege Prof. Christian Merkl.

Westdeutsch dominierte Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände hätten die Löhne im Osten viel zu schnell steigen lassen, sagte der Mitautor der Studie Merkl im Gespräch mit unserer Zeitung. Und dabei hätten beide Seiten vor allem im westdeutschen Eigeninteresse gehandelt: Man wollte nicht, dass zu viele Arbeitnehmer nach Osten ziehen, andererseits wollte man nicht, dass Unternehmen in Gegenrichtung migrieren. „Nicht zum Segen der Entwicklung in den ostdeutschen Ländern" sei im Übrigen die viel zu schnelle Einführung westdeutscher Arbeitsmarktinstitutionenwie Arbeitslosenunterstützung und Kündigungsschutz gewesen, betont der Kieler Ökonom. Unterm Strich hätten diese falschen Weichenstellungen zu der hartnäckig hohen Arbeitslosigkeit im Osten geführt.

Snower und Merkl betonen, die ostdeutsche Wirtschaft stecke nicht trotz, sondern wegen der Nach-Wende-Unterstüzung von annähernd 80 Milliarden Euro in Schwierigkeiten. Andere Wissenschaftler setzten dieser Kieler Kernerkenntnis von 2006 seinerzeit entgegen, das Problem habe weniger mit den Zahlungen als mit Fehlern bei der Privatisierung zu tun. Merkl und IfW-Direktor Snower anerkennen in ihrer jetzt vorgelegten Studie zwar, dass es Fehler und Ineffizienz bei Privatisierungen gab, die zu schnelle Anpassung der Löhne aber habe die Probleme verschärft – mit fatalen Auswirkungen bis heute.

Wäre eine Sonderwirtschaftszone-Ost, wie sie politisch seinerzeit diskutiert, dann aber abgelehnt wurde, besser gewesen? Kann man die Fehler von damals heute noch korrigieren? Merkl sagt jedenfalls, rein ökonomisch betrachtet – unabhängig von politischen Überlegungen oder verfassungsrechtlichen Erwägungen – hätte man im Osten nach der Wende andere Wege gehen müssen. Anfang der 90er-Jahre seien die ostdeutschen Löhne in einem Missverhältnis zur Produktivität regelrecht hochgeschossen, auch heute noch würden in Relation zur Produktivität zu hohe Löhne gezahlt. Fehler, die kaum gutzumachen seien.

Die Kieler Experten benennen so genannte „Arbeitsmarktfallen“: Zum Beispiel die Tatsache, dass gleich nach der Wende die Arbeitslosenunterstützung zu großzügig angelegt worden sei. Wenig Qualifizierte hätten so kaum noch Arbeitsanreize gehabt, hätten aber auch kaum Chancen bekommen, ihre Produktivität durch eigene Arbeitserfahrung zu verbessern. Am Ende hatten sie kaum noch Chancen auf einen Job. Eine weitere Falle sei, dass die Lohnentwicklung dafür gesorgt habe, dass es für Unternehmer attraktiver gewesen sei, in arbeitssparende Maßnahmen zu investieren, statt in Arbeitskräfte – mit fatalen Auswirkungen für den Arbeitsmarkt.

Alles gelaufen, nichts mehr drin? Merkl widerspricht und plädiert zum Beispiel für einfacheren Kündigungsschutz, Beschäftigungskonten und -gutscheine. „Das", sagt er aber, „ist dann keine ökonomische Frage mehr. Das ist Politik.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen