Fall Lea-Sophie: Heute beginnt der Prozess

Zum Prozessauftakt im Fall Lea-Sophie wird im Landgericht Schwerin ein Medienansturm erwartet.
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Zum Prozessauftakt im Fall Lea-Sophie wird im Landgericht Schwerin ein Medienansturm erwartet.

svz.de von
16. Juli 2008, 09:46 Uhr

Schwerin - Drängelnde Reporter, der Kampf der Fotografen um das beste Bild der Angeklagten, die Straßen gesäumt von TV-Übertragungswagen mit Satelliten-Schüsseln: Szenen wie beim Prozessauftakt zur „Bluttat von Tessin“, als sich im Juni 2007 zwei Siebzehnjährige für den Doppelmord bei Boizenburg verantworten mussten, werden auch heute vor dem Schweriner Landgericht erwartet: Im Saal 1 des Justizgebäudes müssen die 24-jährige Nicole G. und Stefan T. (26) aus Schwerin vor die 2. Große Strafkammer treten. Den Eltern der am 20. November vergangenen Jahres verhungerten und verdursteten Lea-Sophie wird gemeinschaftlicher Mord und Misshandlung Schutzbefohlener vorgeworfen.
„Wir sind auf ein riesiges Medieninteresse vorbereitet“, sagt Detlef Baalcke, Pressesprecher des Landgerichts. In den vergangenen Tagen hätte sein Diensttelefon teilweise im Minutentakt geklingelt. „Redakteure von Fernsehstationen, Tageszeitungen und Magazinen aus ganz Deutschland kündigten ihr Kommen an.“

Sicherheitsvorkehrungen am Landgericht erhöht
Angesichts des großen Medieninteresses, aber auch, weil wegen der Brisanz des Falles Störversuche und Übergriffe nicht auszuschließen seien, sind die Sicherheitsvorkehrungen heute erhöht: „Bestimmte Bereiche, etwa der Hof des Gerichtsgebäudes, werden gesperrt“, erklärt Baalcke. So solle auch ausreichender Sichtschutz für den Verhandlungssaal gewährleistet werden. Auch würden die Gerichtsmitarbeiter bei der Einlasskontrolle heute von Polizeibeamten unterstützt, so der Sprecher des Landgerichts.

Sollten die Verteidiger der Angeklagten keine Vertagungsanträge stellen, werden die Staatsanwälte Wulf Kollorz und Jörg Seifert beim heutigen Auftakt des Prozesses zunächst die Anklageschrift verlesen. In dem Papier, das unserer Zeitung vorliegt, wird Nicole G. und Stefan T., die sich seit dem 22. November 2007 in Bützow in Untersuchungshaft befinden, vorgeworfen, „durch Unterlassen grausam einen Menschen getötet zu haben“. Das Kind, so ergab die Obduktion, hatte über Wochen kaum zu essen und zu trinken bekommen.

Großvater von Lea-Sophie mit „gemischten Gefühlen“
Mit „sehr gemischten Gefühlen“ werde er heute dem Prozessauftakt beiwohnen, so der Vater der angeklagten Mutter, Norbert G., gestern gegenüber unserer Redaktion. Der Großvater von Lea-Sophie hatte aus Angst um das Mädchen mehrmals im städtischen Jugendamt um Hilfe gebeten, letztlich aber vergeblich gefordert, dass ein Mitarbeiter die Kleine persönlich in Augenschein nimmt. Neben dem Wunsch nach Aufklärung des Falles mache er sich Sorge um die Zukunft seiner Tochter, so Norbert G.

Für den Prozess unter Leitung von Richter Robert Piepel sind vorerst neun Verhandlungstage angesetzt. Insgesamt sollen rund 15 Zeugen gehört werden. Heute sind dies der Notarzt, der Klinikarzt sowie ein Polizeibeamter. An den folgenden Prozesstagen werden die Großeltern des Mädchens, zwei Mitarbeiter des in die Kritik geratenen Jugendamtes und Sachverständige gehört. Für den 4. Juni sind die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung vorgesehen. Am 9. Juni soll das Urteil gesprochen werden.

In Schwerin sorgte der Fall für eine nach wie vor andauernde kommunalpolitische Krise: Nachdem die Stadtverwaltung anfangs jegliches Fehlverhalten ihrer Mitarbeiter verneinte, traten dann doch fatale Mängel in der behördlichen Reaktion zu Tage. So eben auch, dass die Jugendamtsmitarbeiter mehrmaligen Hilferufen des Großvaters nicht konsequent nachgegangen waren. Der von der Stadtvertretung eingesetzte Untersuchungsausschuss kam zu dem Schluss: Lea-Sophie könnte noch leben, wenn das Jugendamt sachgerecht gearbeitet hätte.

OB Claussen muss sich Bürgerentscheid stellen
Während ein Abwahlantrag für den verantwortlichen früheren Sozialdezernenten Hermann Junghans (CDU) in der Stadtvertretung überraschend scheiterte, muss sich Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) am 27. April einem Bürgerentscheid über seine Abberufung stellen. Für Empörung hatte Claussen mit dem Satz gesorgt, Schwerin habe mit dem Fall „Pech gehabt“. Der OB entschuldigte sich später dafür und räumte „eklatante Versäumnisse und organisatorische Mängel“ im Jugendamt ein.

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