Fachkräfte gesucht

Es klingt paradox: 3,5 Millionen Arbeitslose in Deutschland, 150 000 in Mecklenburg-Vorpommern und trotzdem können zehntausende Arbeitsplätze nicht besetzt werden. Der Wirtschaft gehen die Fachkräfte aus: Fast jede zweite Firma in MV sucht Spezialisten. Die ersten Kritiker sehen sogar Deutschlands Abstieg als Hightech-Nation voraus.

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22. April 2008, 06:56 Uhr

Schwerin - Jetzt wird es heftig: Mühsam buhlt Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaft um Aufträge und muss sie nun doch wieder abgeben. Aus Mangel an Fachleuten müssten einige Unternehmen Angebote ablehnen, erklärte Wolfgang Schröder, Chef des Unternehmerverbandes Schwerin gestern.
Fehlende Fachleute: Das Problem beschäftigt inzwischen fast jede zweite Firma in MV, geht aus einer gestern vorgestellten landesweiten Verbandsumfrage hervor. Dabei planen fast drei Viertel der Betriebe, in den nächsten zwölf Monaten neue Mitarbeiter einzustellen. Doch mehr als zwei Drittel der Firmen haben Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen – in erster Linie wegen Defiziten in der Qualifikation (49 Prozent), fehlender geeigneter Bewerber (25), aber auch wegen zu hoher Gehaltsforderungen (15) und fehlender Mobilität (6).

Volkswirtschaft gehen sieben Milliarden Euro verloren
Mecklenburg-Vorpommerns Unternehmen werben um Hilfe: Es müsse schnell und gemeinsam gehandelt werden, forderte Verbandspräsident Rolf Paukstat gestern auf einem Unternehmensforum in Schwerin. Dazu zähle u. a., die Ausbildungsfähigkeit junger Menschen zu verbessern. Auch gebe es noch Reserven bei der Vermittlung von Arbeitslosen, fügte Schröder hinzu. Nur 14 Prozent der Betriebe würden die Hilfe der Arbeitsagenturen in Anspruch nehmen, ergab die Umfrage.

Fachleute sucht man bundesweit fast vergebens. 70 000 Ingenieurstellen blieben 2007 unbesetzt, 45 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, ermittelte der Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Derzeit würden die Unternehmen sofort 95 000 Spezialisten einstellen. Sieben Milliarden Euro gingen der Volkswirtschaft durch den Mangel an Fachkräften jährlich verloren, sagte VDI-Direktor Willi Fuchs.

Doch so sehr die Wirtschaft auch klagt: „Wir haben keinen generellen Fachkräftemangel“, hält Jürgen Goecke, Chef der Landesagentur für Arbeit in Kiel dagegen. Es gebe aber in einigen Branchen wie in Elektro- und Metallfirmen oder im Gesundheitsbereich in MV Defizite. Aufgrund der zu erwartenden Schülerlücke werde das Problem an Schärfe gewinnen. Die Wirtschaft sollte deshalb alle Potenziale nutzen, junge Leute in MV zu halten. Angesichts der sinkenden Zahl der Lehrstellenbewerber sei es für die Wirtschaft die letzte Chance, aktiv dem Fachkräftemangel zu begegnen, so Goecke. Die Agenturen wwerden die Qualifizierung von Arbeitslosen unterstützen.

Jedes zehnte Unternehmen will die Löhne erhöhen
Die Einsicht ist bei einer Vielzahl der Unternehmer aber noch nicht da. Zwar wollen der Umfrage zufolge die Hälfte der Firmen die eigene Ausbildung und 45 Prozent die Weiterbildung verstärken. 13 Prozent möchten stärker auf ältere Mitarbeiter zurückgreifen, während jeder zehnte Betrieb gar die Löhne erhöhen sowie sechs Prozent familienfreundlichere Arbeitsbedingungen schaffen wollen, um Mitarbeiter zu halten oder zu gewinnen. Doch noch immer geben 45 Prozent vor allem der Gesellschaft und 17 Prozent ausschließlich der Politik die Schuld an der Misere. „Die Arbeitgeber sind gefragt“, mahnte Verbandschef Schröder die Firmenchefs. „Der Staat wird die Probleme nicht lösen.“

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