Fabriken buhlen um mehr ZuckerrübenAgrar Milchhof Raden liefert an Nordzucker AG / Angebot für 2009 auch aus Anklam

Der weltweite Markt für Agrarprodukte beschäftigt die Gebrüder Stiewe in Raden derzeit mehr noch als gewöhnlich. Da geht es um Milch, um Getreide, Sojaschrot und Düngemittel. Ein vieldeutiges Lächeln zaubert eine Offerte, den Zuckerrübenanbau auszudehnen, auf die Gesichter der Landwirte.

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01. Oktober 2008, 05:24 Uhr

Raden - Eine Zusatzprämie für Zuckerrüben verspricht die Zuckerfabrik Anklam. Wer sich jetzt entscheidet die Anbaufläche 2009 auszudehnen, dem winken zwei Euro mehr je Tonne Rüben. Darüber hinaus wird den Landwirten eine generelle Erhöhung des Rübenpreises (derzeit 30,10 Euro je Tonne) im nächsten Jahr in Aussicht gestellt. Auch von der Nordzucker AG höre man, dass die Rüben, erhöht der Landwirt seine Anbaufläche um zehn Prozent, gern abgenommen werden. Bisher galten strenge Quoten. „Dagegen droht Strafen dem, der unter der Quote bleibt“, sieht Hans-Günter Stiewe die Zuckerrübe augenscheinlich „in einer anderen Liga“ als noch vor einem Jahr.

Da hatte die Nordzucker AG kurz nach Kampagnestart die Schließung der Güstrower Fabrik bekannt gegeben. Fortan wurden die Landwirte monatelang bekniet, ihre Quoten freiwillig an den Konzern zu verkaufen. „Wir haben uns wirklich schwer getan“, gesteht Hans-Günter Stiewe. Und dann doch im Anbauplan 2008 20 Hektar für Zuckerrüben reserviert. Ein bisschen halbherzig fast, weil nicht auf dem besten Standort. „Sie sind durchgekommen. Wir haben einen Abgabetermin Ende Oktober. Das ist in Ordnung“, schätzt der Radener Landwirt ein. Geliefert werden die Rüben in die Zuckerfabrik Uelzen der Nordzucker AG, an die man weiter vertraglich gebunden ist.

Die Rübe: wieder lukrativ und knapp
Der Kontakt mit Anklam, so erklärt Günther Stiewe, sei über die Hackschnitzel zu Stande gekommen. Die bezog man bisher aus Güstrow, um sie an die Kühe zu verfüttern. „Sie jetzt aus Uelzen herzufahren, wäre zu teuer“, sagt der Landwirt. Deshalb habe man wie viele andere in Anklam nachgefragt, ob man nicht die Schnitzel – Abfallprodukt bei der Zuckerherstellung – von dort bekommen könnte. 300 statt der gewünschten 500 Tonnen wird man beziehen können. „Zuckerrüben und Schnitzel werden wieder lukrativ und knapp. Wer hätte es gedacht“, schmunzelt Hans-Günter Stiewe und weiß noch nicht, wie er entscheiden wird. Erst muss gerechnet werden.

Quotenkürzungen und Fabrikschließungen in Folge der Zuckerreform haben – folgerichtig? – zu einer Unterversorgung auf dem EU-Binnenmarkt geführt. Nicht unerheblich, so wirft Karl-Heinz Stiewe ein, wirke sich auf dem Weltmarkt aus, dass Zuckerrohr in Südamerika auch gern zu Ethanol verarbeitet wird und nicht zu Zucker. Und wenn die Stiewe-Brüder dann noch darüber nachdenken, dass die Nordzucker AG Danisco – ein dänisches Unternehmen, in Anklam aktiv – kaufen will/wird, würden Marktstrategien mehr als deutlich.

Der Milchpreis und die Chinesen
Und eigentlich, so schlussfolgert Karl-Heinz Stiewe, müsste mit Blick in die Welt der Milchpreis jetzt steigen. „Wegen China“, kann er sich Ironie nicht verkneifen. Was der Milchbauer erlebt, sei aber etwas anderes. Der Preis ist eher auf dem Weg nach unten. „Wir haben diese Entwicklung mit unserem Lieferstopp im Frühsommer nur verzögert“, schätzt der Teamleiter im Bund Deutscher Milchbauern ein. Gebracht habe die Aktion keinen höheren Milchpreis – aktuell 32 Cent/Ziel 43, mindestens 40 Cent –, aber doch wichtige Erkenntnisse. „Wir können nichts ausrichten“, sagt Hans-Günter Stiewe klipp und klar. Es habe sich gezeigt, dass 100 000 Milchbauern in Deutschland nicht unter einen Hut zu bringen sind, dass aber bei aller Konkurrenz 100 Molkereien den Schulterschluss geschafft haben.

„Das Problem ist, dass wir bei der Milch als Landwirte nicht wirklich reagieren können“, lenkt Karl-Heinz Stiewe den Blick auf das System. Der Bauer liefert die Milch. Welchen Preis er dafür bekommt, erfährt er erst Wochen später. „Wir müssten den Preis kennen, bevor wir liefern“, fordert er.

Marktwirtschaftlich gedacht und gehandelt haben die Stiewe-Brüder in Sachen Milch oder meinte es zumindest. Weil der Bedarf aus der Erfahrung saisonal schwankt, hatten sie ihre Milchmenge reduziert, Kühe zum Schlachthof gebracht und Färsen verkauft, und sich darauf eingestellt, sie zum Jahresende – in der Regel ein Hoch – wieder zu steigern. Die Rechnung, so Karl-Heinz Stiewe, geht diesmal wohl nicht auf. Statt 220 werden derzeit 190 Kühe gemolken; jetzt allerdings dreimal anstatt wie bisher zweimal am Tag. Das steigere die Leistung um 15 Prozent.. „Alles kein Dogma“, sagt der jüngere der Stiewe-Brüder. Vielleicht wird übermorgen wieder zweimal gemolken.

Silos randvoll - Äcker bestellt
Stiewes versuchen immer wieder, sich auf alle Überraschungen des Marktes einzustellen. Eine gute Getreideernte habe man eingefahren und am 2. September noch eben gut verkauft. „Ab 5. September fiel der Preis“, berichtet Hans-Günter Stiewe. Vor Ende Dezember werde er vermutlich kaum wieder steigen. Ein Teil der Ernte liegt noch im Lager. Karl-Heinz Stiewe hat derweil stets den Blick auf die Soja-Preise und mit seiner Entscheidung ein bisschen weniger Glück gehabt. Er meinte sich in der „goldenen Mitte“ zum Kauf entschieden zu haben. Aber danach sei der Preis gefallen. Es hätte ebenso andersherum kommen können, meint er.

Übrigens ist der Mais bis auf zehn Hektar geerntet, die Silos sind voll, die Wiesen zum vierten Mal geschnitten, die Äcker mit Raps und Getreide fürs nächste Jahr bestellt, das Dach auf einer Halle erneuert. Und ein Fernseh-Team war auf dem Radener Hof und hat zum Thema Milch gedreht. Wann die Sendung bei Vox ausgestrahlt wird, wisse man noch nicht.

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