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Exklusiv-Interview: Formel-1-Pilot Rubens Barrichello über seinen Sport, die Familie und irritierende Funksprüche

vom

Die Formel 1 kommt nach Europa – die Wochen ohne dröhnende Motoren und spannende Duelle haben ein Ende. In Barcelona geht am 27. April der Große Preis von Spanien über die Rennstrecke. In dieserWoche traten die Piloten zu Tests auf demRundkurs an. Auch Rubens Barrichello, mit 35 Jahren „Veteran“ im Feld, der mit einem verbesserten Honda noch einmal angreifen will. Unser Redakteur Dirk Buchardt sprach auf der AMI in Leipzig exklusivmit demzweifachen Vizeweltmeister aus Brasilien.

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erstellt am 17.Apr.2008 | 02:54 Uhr

Sie sind erst 35 Jahre und werden bereits als Formel-1-Veteran bezeichnet. Wie fühlt man sich da?
Rubens Barrichello: Ich fühle mich noch ganz und gar nicht als Veteran. Viel mehr ist es ein Privileg, nach so vielen Jahren noch konkurrenzfähig Rennen zu fahren, denn die Formel 1 ist ein sehr fordernder und verbrauchender Sport. Man kann hier also in der Tat schnell sehr alt werden. Doch ich fühle mich noch sehr jung und auch sehr motiviert, um Rennen zu gewinnen und ich denke, das ist das Wichtigste. Ich habe noch einiges vor!

Am 27. April in Barcelona werden Sie mit 256 Grand-Prix-Starts die Bestmarke von Riccardo Patrese egalisieren, in Istanbul voraussichtlich zum alleinigen Rekordhalter gekürt. Wie viele Rennen wollen Sie in Ihrer Karriere noch fahren?
Barrichello: Ich möchte so lange fahren, wie ich kann. Es ist kein Geheimnis, dass mein Vertrag zum Jahresende ausläuft. Ich würde ihn gern verlängern, weil ich denke, mit dem Zugang von Ross Brawn hat eine neue, vielversprechende Honda-Ära begonnen. 2008 wird definitiv nicht meine letzte Saison, ich möchte nun schon mit mehr als 300 Grand Prixs abtreten...

Angeblich folgt im Honda Racing Team dieses Jahr nur noch ein Entwicklungsschritt, um dann alle Ressourcen auf die neue Saison 2009 zu fokussieren. Ist das nicht demotivierend für die laufende Saison, weil das Auto vielleicht nicht so konkurrenzfähig ist?
Barrichello: Das ist so nicht ganz richtig. Die Teams haben drei Möglichkeiten für Weiterentwicklungen im Jahr. Honda hatte ein Paket für Melbourne, nun eines für Barcelona und voraussichtlich kommt auch noch eines für Silverstone. Das ist völlig normal und auch nicht verkehrt. Das Melbourne-Paket war schon sehr gut und wenn das nächste auch so wird, werden wir von einer viel besseren Position aus kämpfen.*

In Melbourne disqualifiziert, in Sepang Platz 13 und in Bahrain Elfter – also wie Ihr Teamkollege Jenson Button noch ohne Zähler. Gehen Sie davon aus, in Barcelona endlich in die Punkte zu fahren?
Barrichello: Ganz sicher. Unser Team wird immer stärker und ich gehe davon aus, dass ich dieses Jahr noch viele Punkte erziele.

Wo wird Honda am Ende der Saison landen? Wo werden Sie sich einreihen?
Barrichello: Oh, das wäre zu weit in die Zukunft geschaut. Ich denke einfach, dass Honda das Überraschungs-Team des Jahres sein wird. Wir werden uns am meisten verbessern.

In Deutschland sind Sie vor allem bekannt als Ferrari-Teamkollege von Michael Schumacher, als Nummer 2. Stört Sie das bei den vielen Erfolgen, die auch Sie aufzuweisen haben?
Barrichello: Ich wusste, dass es so sein würde, als ich zu Ferrari ging. Dennoch habe ich sechs Jahre lang gekämpft wie verrückt, um diese Situation zu verbessern. Die Nummer 2 zu sein stört mich eigentlich nicht, es ist nur eine Nummer. Aber bei Ferrari war es nicht möglich, die gleichen Privilegien zu erhalten wie Michael.

Wie machte sich diese Bevorzugung bemerkbar?
Barrichello: Um das klarzustellen: Ich hatte immer den gleichen Motor, das gleiche Chassis und die gleiche Ausrüstung – das war nicht das Problem. Aber Michael hatte immer die erste Option, die Strategie war natürlich auch auf ihn ausgerichtet. Irgendwann habe ich aber gesagt: Es ist Zeit für Rubens! Ich fühlte mich selbst stark genug, die Nummer 1 zu sein. Deshalb war der Teamwechsel nur logisch.

Wie wichtig ist heute der direkte Vergleich im Team mit Jenson Button?
Barrichello: Es hat keine Bedeutung. Jenson ist ein guter Fahrer. Wir beide haben die gleiche Ausrüstung vom Team, es gibt keinerlei Bevorzugungen und das Verhältnis ist so, wie es sein sollte. Es herrscht viel weniger Rivalität, wesentlich anders als bei Ferrari. Ich denke, das wird sich auch nicht ändern, wenn einer von uns die ersten Punkte holt. Das wäre auch der falsche Ansatz: Man sollte den Fahrern die Möglichkeit geben, auf der Strecke so schnell zu sein, wie es geht.

Bietet die Formel 1 Platz für private Freundschaften?
Barrichello: Auf jeden Fall. Ich habe dort viele Freunde – einer der besten ist zum Beispiel David Coulthard. Mit ihm fuhr ich schon zusammen in der Formel 3. Oder Robert Kubica und Giancarlo Fisichella. Alonso gehört allerdings definitiv nicht dazu.

Und was sagen Sie zu den fünf deutschen Fahrern?
Barrichello: Ich halte sie für sehr kompetent und wettbewerbsfähig. Sie haben nur ein Problem: Sie werden bei allem, was sie tun, mit Michael Schumacher verglichen. Fast genauso, wie es mir damals mit Ayrton Senna erging. Das ist nicht gut, wir sollten sie ihre eigene Karriere machen lassen. Alle fünf sind sehr schnell und die Erfahrung wird sich mit der Zeit auch einstellen. Die Deutschen hatten eine gute Vergangenheit in der Formel 1, die sie nicht zuletzt Michael verdanken. Doch jetzt sind sie wieder gut aufgestellt und haben mit den Teams und Fahrern viel Potenzial für die Zukunft.

Apropos Senna: Am 1. Mai vor 14 Jahren kam er beim Grand Prix von San Marino in Imola auf tragische Weise ums Leben. Sie sagten einmal, seine Erfolge, sein Geist lasten tonnenschwer auf Ihnen. Haben Sie die Last nun abgelegt?
Barrichello: Das war so. Ich war 20 Jahre alt, als ich zur Formel 1 kam und gerade 22 Jahre, als Senna starb. Alles passierte so schnell. Meine Zeit bei Jordan war sehr hart mit diesen Belastungen auf meinem Rücken, aber danach – 1997, als ich mit Stewart startete – ging es viel besser und ich hatte keine Probleme mehr damit.

Peugeot, Ford, Ferrari und nun Honda auf der Rennstrecke – welche Autos haben Sie privat in der Garage?
Barrichello (lacht): Ich habe noch immer einen Ferrari 575 GTZ – ein sehr schönes Auto, das ich sehr liebe. Als ich damals für den Fiat-Konzern fuhr, waren es daneben ausschließlich Fiats. Aber momentan habe ich nur Hondas, wie es sein sollte.

Frage: Wie viele?
Barrichello: Zwei in Europa und zwei in Brasilien.

Wenn Sie am öffentlichen Straßenverkehr teilnehmen, was sind Sie dann für ein Fahrer?
Barrichello: Nun, ich bin eigentlich sehr geduldig. Doch ich habe das Gefühl, dass die Leute auf der Straße ziemlich egoistisch sind und zum Beispiel ständig links fahren. Das ist eigentlich das einzige Problem, das ich auf der Straße habe. Ich neige dazu, etwas schneller zu fahren, aber nur wenn ich alleine bin. Sonst fahre ich normal wie jeder andere auch.

In Deutschland gibt es auf der Autobahn kein Tempolimit – cool oder uncool?
Barrichello (lacht): Das ist das Beste, was Deutschland zu bieten hat.

Sie haben zwei Söhne – zwar noch jung, aber würden Sie sie unterstützen, wenn sie Rennfahrer werden wollten?
Barrichello: Klar, warum nicht. Aber ich würde sie nicht dahin lenken, keinen Druck ausüben. Schön wäre es, wenn Sie überhaupt die sportliche Schiene einschlagen, das prägt den kompletten Menschen. Ich habe zum Beispiel noch nie in meinem Leben Drogen gesehen, ich denke vor allem auch, weil ich mich auf den Sport konzentrierte. Mein älterer Sohn Eduardo ist jetzt sechs und fährt bereits Go-Kart. Ich weiß nicht, ob er das macht, weil sein Vater es tut oder ob er das selber will. Parallel spielt er auch gern Fußball und Tennis.

Mussten Sie den beiden erklären, dass Sie in der Formel 1 Ihr Leben riskieren?
Barrichello: Nein. Sie wissen, dass ich etwas mache, das ich sehr liebe. Es gibt nur eins, was ich noch mehr liebe: Das sind sie, die Familie. Tagsüber bin ich beim Motorsport, aber abends wissen sie, dass ich viel lieber bei ihnen bin.

Fährt man als Familienvater weniger riskant?
Barrichello: Nein, eigentlich nicht. Vielmehr fahre ich schneller, seitdem ich Vater geworden bin, weil ich einfach viel glücklicher bin und mich also nicht runterbremsen lasse.

Wer wird Weltmeister 2008?
Barrichello: Da haben sechs Fahrer an der Spitze gute Chancen. BMW ist wirklich stark und macht einen sehr guten Job, aber ich denke der Ausgang der Weltmeisterschaft ist dieses Jahr viel offener. Daher möchte ich einfach keine Namen nennen.

Und wann wollen Sie endlich Weltmeister werden?
Barrichello: Nun, ich denke das kommt ganz darauf an, wie sich das Auto verbessern wird und es kann jederzeit passieren. Schließlich ist es nur unser Verstand, der das Ziel festsetzt und wir können tun, was immer wir tun wollen, wenn wir wirklich daran glauben – und ich glaube daran!

Wenn Ihnen Teamchef Ross Brawn über Kopfhörer sagen würde: „Lass Jenson für die Weltmeisterschaft vorbei“ – was würden Sie tun?
Barrichello: Ihm klarmachen, dass da wohl ein Fehler vorlag und hoffen, dass er es nicht noch mal wiederholt. Aber im Ernst: Ich würde ihn nicht vorbeilassen – abgesehn davon, dass Honda das nie machen würde. Es war damals schon bei Ferrari und Michael ein Fehler.

*) Bei den Tests in Barcelona fuhr Barrichello am Dienstag mit diesen Verbesserungen Bestzeit (1:18,928 min) vor Fisichella.

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