Affäre um Luxusreisen und Mietkautionen : Ex-Wiro-Boss auf der Anklagebank

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Vor dem Landgericht Rostock beginnt nächste Woche einer der größten Wirtschaftsprozesse der Stadt. Auf der Anklagebank sitzt Bernhard Küppers, der mehr als 16 Jahre lang die kommunale Wohnungs- gesellschaft Wiro führte.

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24. November 2010, 08:44 Uhr

Rostock | Vor dem Landgericht Rostock beginnt nächste Woche einer der wohl größten Wirtschaftsprozesse in der Geschichte der Stadt. Auf der Anklagebank sitzt ab Dienstag Bernhard Küppers, der mehr als 16 Jahre lang die kommunale Wohnungsgesellschaft Wiro führte, phasenweise sogar als heimlicher Oberbürgermeister gehandelt wurde - und 2007 nach monatelangen Querelen gefeuert wurde. Die Anklage lautet auf Untreue und Vorteilsgewährung, das teilte eine Gerichtssprecherin gestern mit.

Küppers soll sich das Wohlwollen von Politikern und Amtsträgern mit Luxushotels und reichlich Alkohol erkauft haben. Außerdem habe er dem Unternehmen durch die Vermischung von Mietkautionen und Geschäftsgeldern geschadet. Wegen ihrer mutmaßlichen Verstrickung in die Kautions-Affäre muss sich auch die frühere Wiro-Prokuristin Dr. Evelyn R. vor Gericht wegen Untreue verantworten.
Anklagepunkt 1: Luxusreisen
2007 wird bekannt:Mehrere Bürgerschaftsmitglieder und Aufsichtsräte der Wiro und der Rostocker Gesellschaft für Stadterneuerung sind im Herbst des Vorjahres zu einer so genannten Studienfahrt nach Rom gereist. Auch der damalige Rostocker Bausenator Peter Grüttner, zugleich Wiro-Aufsichtsratschef, sowie Amtsleiter der Stadtverwaltung und der Referent für Grundsatzfragen aus dem Senatsbereich Bau- und Wohnungswesen waren dabei. Die Delegation stieg in einem Vier-Sterne-Hotel ab. Die Wiro zahlte für alles: Reisekosten, Menüs, Büfetts, Stadtführungen und früheren Angaben der Staatsanwaltschaft Rostock zufolge auch für jede Menge Alkohol. Aber schon vor der Rom-Reise hatten sich Rostocker Reisegruppen aufgemacht, um auf Kosten der Wohnungsgesellschaft Städte zu erkunden. Zwischen 2002 und 2006 ging es nach Maastricht, Wien, Freiburg, Lüneburg und Weimar. Die Trips ließ sich die Wiro 126 000 Euro kosten.

Dafür soll sich Küppers nun verantworten. Laut Anklage soll er die Einladungen ausgesprochen haben, um die Teilnehmer dazu zu bewegen, ihren Einfluss zugunsten künftiger Bauvorhaben der Wiro einzusetzen. Der Ex-Geschäftsführer habe sich im Ermittlungsverfahren bislang darauf berufen, die Reisen mit Zustimmung des Aufsichtsrates und mit Wissen von Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) organisiert zu haben. Im Übrigen hätten sie den Zielen der Wiro entsprochen. Laut Anklage soll Küppers die Fahrten jedoch organisiert haben, ohne dass dies durch die Hansestadt als alleiniger Gesellschafterin genehmigt gewesen sei. Bereits im September 2008 hatte die Rom-Reise rechtliche Konsequenzen für einige der Teilnehmer. Sie erhielten, wie damals aus dem Ratshaus bekannt wurde, Strafbefehle mit Geldstrafen im vierstelligen Bereich.

Anklagepunkt 2: Kautionen
Im Zusammenhang mit der Rom-Affäre kommt ebenfalls heraus: Wiro-Chef Küppers nahm es mit den Kautionen seiner Mieter nicht so genau. Immerhin ging es um insgesamt rund 20 Millionen Euro. Die soll der Geschäftsführer laut Staatsanwalt über Jahre nicht auf ein Sonderkonto eingezahlt haben, wie es gesetzlich vorgeschrieben ist. Stattdessen landete das Geld offenbar direkt im Portfolio der Wohnungsgesellschaft und wurde für den laufenden Geschäftsbetrieb genutzt. Das ermöglichte dem Unternehmen einen höheren finanziellen Spielraum und den Mietern eine höhere Verzinsung. Um die Rückzahlungsansprüche der Mieter im Falle einer Insolvenz der Wiro zu schützen, sollen sich Küppers und Evelyn R. laut Staatsanwaltschaft um den Abschluss einer Versicherung bemüht haben. Ein Vertrag sei mit der Gramercy Insurance Company in Dallas geschlossen worden. Dieser habe allerdings vorgesehen, dass die Wiro nur gegen Leistung einer Sicherheit einen Bürgschaftskredit in Höhe von zwölf Millionen Euro beanspruchen könne. Tatsächlich sollen die Angeklagten jedoch weder die Sicherheit gestellt noch die Bürgschaften zugunsten der einzelnen Mieter angefordert haben. Eine Sicherung der Rückzahlungsansprüche habe deshalb faktisch trotz des Vertragsabschlusses und der anschließend gezahlten Prämie nicht vorgelegen. Die Angeklagte Evelyn R. habe mit Billigung von Küppers zwischen August 2005 und August 2008 insgesamt viermal die Versicherungsprämie und die Versicherungssteuer an die Versicherungsgesellschaft in Höhe von insgesamt 553 000 Euro gezahlt, ohne einen Nutzen für die Wiro oder deren Mieter erlangt zu haben.

Für den Prozess sind bisher sechs Verhandlungstage bis Mitte Dezember angesetzt. Wiro-Geschäftsführer Küppers, der während seiner Tätigkeit vor allem die Sanierung des Wohnungsbestandes vorantrieb, musste Ende September 2007 gehen. Das hatte die Bürgerschaft aber erst nach monatelangem Streit und der zeitweiligen Beurlaubung beschlossen.

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