Europa guckt in die Gas-Röhre

Kein Druck mehr: Ein Messgerät der Gaspipeline Bojarka bei Kiew kündigt die nächste Eskalationsstufe im Gaskonflikt an. Foto: dpa
Kein Druck mehr: Ein Messgerät der Gaspipeline Bojarka bei Kiew kündigt die nächste Eskalationsstufe im Gaskonflikt an. Foto: dpa

Ausgerechnet am kältesten Tag seit mehr als 20 Jahren bleibt das Gas weg. Angst vor der Kälte schüttelt Europa. Russland dreht mitten im Winter am Gashahn, Panik macht sich breit. "Die EU-Staaten müssten "sofort" auf die drohende Gas-Knappheit reagieren. Die slowakische Regierung ruft den Notstand aus. Deutschlands größter Gas-Importeur E.on fürchtet "massive" Einschränkungen.

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06. Januar 2009, 09:57 Uhr

Warum eskaliert der Streit?
Russland will höhere Preise durchsetzen. Die Ukraine wehrt sich dagegen. Moskau sieht seine Forderung als Angleichung an westeuropäische Gaspreise, für die Ukraine bedeutet sie mehr als eine Verdoppelung. Seit dem 1. Januar hat der russische Versorger Gazprom der Ukraine den Gashahn zugedreht. Nach Angaben des ukrainischen Konzerns Naftogaz hat Russland innerhalb von 24 Stunden seine Lieferungen von täglich 342 Millionen Kubikmeter auf knapp 74 Millionen Kubikmeter drastisch reduziert. Zugleich stocke die Ukraine die Liefermengen nach Europa aus eigenen Beständen auf.

Doch der Konflikt reicht über das Geld hinaus. "Auch wenn sich der Streit offiziell um rein kommerzielle und vertragliche Fragen dreht, spielen unter der Oberfläche klar geopolitische Motive mit", analysiert der Fachmann Thijs Van de Graaf von der Universität Gent. Russland nutze aus, dass die westlich orientierte Ukraine von der Finanzkrise geschwächt und innenpolitisch gespalten sei. Anders als bei der Lieferkrise vor drei Jahren habe die Ukraine kaum Gas aus den Leitungen nach Europa abgezweigt - und dennoch drehte Russlands staatlicher Gaskonzern Gazprom demonstrativ am Hahn.

Welche Länder sind betroffen?
In Deutschland stellte der wichtigste Gas-Importeur E.on Ruhrgas massive Einschränkungen bei der Belieferung fest. Die deutsche Gasbranche sieht dennoch keinen Grund zur Panik. In Österreich fielen 90 Prozent der russischen Gaslieferungen aus. Der Ausfall könne durch Reserven von 1,7 Milliarden Kubikmetern ausgeglichen werden. Bulgarien erhielt kein Gas mehr. Auch die Nachbarstaaten Griechenland, Mazedonien und die Türkei sind betroffen, die das russische Gas über bulgarische Pipelines erhalten. Rumänien erhielt gestern zwei Drittel weniger Gas aus Russland. Auch Kroatien ist abgeschnitten. Tschechien wird mit drei Viertel weniger Gas beliefert als vereinbart. Die Slowakei rief gestern den "Notstand" aus. Laut Regierung sind alle nationalen Lieferverpflichtungen auf unbestimmte Zeit außer Kraft gesetzt.

Droht bei uns ein Engpass?
Nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) verfügt Deutschland mit 46 Speichern über die höchste Erdgas-Speicherkapazität in Europa. Die Kapazitäten entsprechen nach den Angaben fast einem Viertel des Jahresverbrauchs 2007. Vor allem die Niederlande und Norwegen könnten schnell mehr Gas liefern. "Trotz erster Lieferausfälle können sich die Verbraucher auf eine sichere Versorgung mit Erdgas verlassen", versicherte Verbandsgeschäftsführer Martin Weyand.

Sollte aber die arktische Kälte länger anhalten und der Zoff zwischen Gazprom und der Ukraine nicht bald gelöst werden, müsste die Lage wohl neu bewertet werden. E.on-Ruhrgas-Chef Bernhard Reutersberg: "Auch unsere Möglichkeiten stoßen an ihre Grenzen, wenn diese drastischen Lieferkürzungen anhalten und die Temperaturen weiterhin auf sehr niedrigem Niveau bleiben."

Wer beliefert Deutschland?

Russland ist der wichtigste Erdgaslieferant für deutsche Haushalte und Unternehmen mit einem Anteil von 37 Prozent. Auf Platz zwei folgt Norwegen mit 26 Prozent, wie aus einer Berechnung des BDEW für 2007 hervorgeht. Dritter bedeutender Lieferant sind die Niederlande mit 18 Prozent. Aus Dänemark, Großbritannien und anderen Länder stammen zusammen 4 Prozent. Schließlich fördert Deutschland 15 Prozent seines Erdgases selbst, einen Großteil davon in Niedersachsen. Den nach russischen Angaben drei Transitleitungen durch die Ukraine kommt dabei mit rund 80 Prozent der Gaslieferungen eine Schlüsselrolle zu. In Deutschland heizen laut BDEW 18,4 Millionen Haushalte mit Erdgas, das sind rund 48 Prozent.

Wie reagiert Deutschland?

Die Bundesregierung zeigte sich "not amused", bemühte sich hinter den Kulissen jedoch um eine Lösung. "Auf dem Spiel steht nichts weniger als Russlands Ruf als verlässlicher Lieferant und der Ruf der Ukraine als sicheres Transitland", hatte Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) gestern wenig diplomatisch die Position der Regierung auf den Punkt gebracht. Gestern gab es im Wirtschaftsministerium ein Krisentreffen mit Alexander Medwedew, Gazprom-Vizechef. Es müsse alles getan werden, damit beide Seiten wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren, verlangte Glos nach der Unterredung. Der Gast habe zugesagt, dass ersatzweise über "alternative Lieferrouten" Gas nach West- und Mitteleuropa geleitet werde.

Mögen die geringeren Lieferungen nach Deutschland für die Kunden zunächst ohne Bedeutung sein: Neu angeheizt ist in jedem Fall die Debatte über den richtigen Energiemix und die Gefahren einer zu großen Abhängigkeit von russischem Gas.

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