"Es war einfach grauenhaft"

Als die Panik ausbricht, rennen viele Besucher um ihr Leben. <foto>dpa</foto>
Als die Panik ausbricht, rennen viele Besucher um ihr Leben. dpa

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25. Juli 2010, 07:30 Uhr

Duisburg | Am Tag nach der Katastrophe ist es ruhig geworden am Tunnel. Knapp 100 Meter vor der Unglücksstelle, an der bei der Duisburger Loveparade am Samstag 19 Menschen starben, haben Anwohner eine improvisierte Gedenkstätte errichtet. Kerzen, Blumen, eine Madonnenfigur erinnern an die Toten und Verletzten.

"Es ist so sinnlos", heißt es auf einem Zettel bei den Blumen. Etliche Teilnehmer, die noch nicht nach Hause gefahren sind, werden von ihrem Emotionen überwältigt. "Direkt neben mir sind Menschen zu Tode getrampelt worden, es war einfach nur grauenhaft", sagt ein junges Mädchen unter Tränen. Ihre Trauer, Wut und Enttäuschung können die Bürger, darunter 200 Schaulustige, kaum verhehlen. Wieso führte der Hauptzugang zum Festivalgelände durch dieses "Nadelöhr"? "So viel Blödheit kann ich nicht begreifen", sagt Richard Hatenkerl. Mit den Tränen kämpft Anwohnerin Britta Kordel. Die Sicherheitskräfte hätten nicht immer mehr Menschen in den Tunnel hineinlassen dürfen, sagt sie. "Alle Duisburger haben gesagt, das darf hier nicht stattfinden."

Der 21-jährige Raver Fabio erzählt: "Wir standen mittendrin. Wir waren schon durch den Tunnel durch und standen auf dem kurzen Stück vor dem Eingang. Dort ging es aber nicht weiter." Einige Raver seien über Zäune geklettert. "Wir sind danach durch den Tunnel zurück. Meine Freundin und ich haben kaum mehr Luft mehr bekommen". Dann hätte sie die Polizei informiert, aber passiert sei erstmal nichts. "Das war etwa eine Dreiviertelstunde vor dem Unglück. Da waren schon Leute reihenweise zusammengeklappt."

Welche Kraft die drängelnden, panischen Menschen entwickelt, ist am Tag nach dem Desaster an den Absperrgittern zu sehen: Sie sind zerbeult, wie von einer Riesenhand zerquetscht. Als NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft einen Strauß mit weißen Rosen niederlegt, kämpft sie mit den Tränen.

100 Seelsorger der Evangelischen Kirche, von Polizei und Rettungdiensten hatten sich am Sonnabend um die Verletzten und Angehörigen gekümmert. Viele Polizisten hätten angesichts der Enge um ihr eigenes Leben gefürchtet, berichtete eine Seelsorgerin nachher. Jens Peter Iven von der Evangelischen Kirche im Rheinland sagt, Sanitäter seien schockiert gewesen wegen ihrer Hilflosigkeit. "Sie mussten erkennen, ich bekomme keinen mehr aus der Menge, ich kann nicht mehr helfen."


Experte: Verstand ausser kraft

Bei Massenpaniken schaltet sich die soziale Kompetenz des Menschen ab – „aus Angst ist das eigene Überleben wichtiger, als die Rücksicht auf andere“, sagte der Psychologe Steffen Fliegel. Ausgelöst werde eine Massenpanik von einzelnen Menschen, die in der Menge plötzlich Angstgefühle haben oder Panikattacken erleben. „Der Organismus reagiert dabei völlig unkontrolliert.“ Die schnellen Fluchtbewegungen der panischen Menschen lösen dann in der Enge und der Menge ein Herdenverhalten aus. „Es entsteht eine lawinenartige Kettenreaktion“, so Fliegel. In solch einer Massenbewegung sei die „Ratio“, also das verantwortliche Denken, außer Kraft gesetzt. „Es gibt kein Überlegen mehr, was in dem Moment sinnvoll oder besser wäre“, sagte der Experte von der Gesellschaft für klinische Psychologie und Beratung in Münster.

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