„Es war die höchste Ehre“: Kriegsheld McCain verlor größte Schlacht

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05. November 2008, 07:54 Uhr

Washington - Niemand kann ihm vorwerfen, er habe nicht gekämpft. „Wir geben niemals auf, wir verstecken uns nicht vor der Geschichte - wir machen Geschichte!“, rief John McCain noch unmittelbar vor Öffnung der Wahllokale mit fester Stimme seinen Anhängern zu. Durch neun Staaten war er in den 48 Stunden zuvor gerast, hatte noch einmal tausende Kilometer zurückgelegt, Energie versprüht, Zuversicht demonstriert. Am Ende half alles nichts. Der 72-Jährige trat ab von der Wahlkampfbühne wie ein Kriegsheld, der er ist, und der seine größte Schlacht verlor: „Diese Kampagne war die höchste Ehre meines Lebens und sie wird es immer bleiben“, sagte er vor zu Tränen gerührten Anhängern am Abend der Niederlage.

War es das Kandidatengespann? War es die Strategie? Waren es die Umstände? Schon als der Marathon-Wahlkampf auf die Zielgerade bog, waren sich US-Medien einig: Wohl alle drei Faktoren trugen dazu bei, dass John McCains zweiter Anlauf zum Sprung ins Weiße Haus abermals zum Fehlschlag wurde, wenngleich er dem höchsten Staatsamt nie näher gekommen war. Gerade einmal zwei Monate ist es her, da hatte der Senator aus Arizona seinen jungen Rivalen Barack Obama in der Wählergunst klar überholt, kurz nachdem er Sarah Palin zur Überraschung aller als „Vize“ aus dem Hut gezaubert hatte. Danach jedoch ging es steil bergab für den Vietnamkriegs-Veteranen und „Maverick“, den selbst erklärten Querdenker der Republikaner.

„Die beiden Hauptgründe waren die Kandidaten-Debatten und die Finanzkrise“, stellt „Time“-Korrespondent Michael Scherer knapp fest. Der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers Mitte September, als McCain in landesweiten Umfragen noch vor Obama lang, sei ein dreifacher Schlag für den Republikaner gewesen: Er erinnerte die Wähler an den Nutzen von Regulierung, unterstrich fehlende Führungsstärke im Weißen Haus und bestärkte die Amerikaner in ihrer Gewissheit, dass das Land in die falsche Richtung driftet. Und die Debatten tilgten darüber hinaus das dickste Fragezeichen hinter einer Präsidentschaft Barack Obamas: Ob er ihr gewachsen sei.

John McCain zählte von vorneherein als unwahrscheinlicher Kandidat für das Rennen um das höchste Staatsamt. 2007 hätte kaum jemand einen Dollar auf seine neuerlichen Ambitionen gewettet, die 2000 schon an George W. Bush gescheitert waren. In der Wahlkampfkasse des Senators herrschte Ebbe, er schleppte sein Gepäck selbst. Dem erzkonservativen Flügel der Partei war McCain nicht fromm genug, seine Haltung zu Folter und Einwanderung fand unter Hardlinern kaum Anklang. Für sich selbst warb er mit seiner Erfahrung, seiner Gradlinigkeit und Furchtlosigkeit, wenn es um das Beste für das Land geht. Dass er sich in den Vorwahlen der Republikaner schließlich durchsetzte, sind sich Kommentatoren sicher, lag aber am dürftigen Feld der Mitbewerber.

Der Senator aus Arizona hatte sich dem Kampf an vielen Fronten stellen: Da war das Alter („Ich bin älter als Dreck, mit mehr Narben als Frankenstein“, scherzte er selbst). Da waren die Zweifel über seine Gesundheit. McCains aufbrausendes Temperament hatte ihm schon den Beinamen „weißer Tornado“ eingebracht. Und nicht zuletzt sitzt ein Parteifreund im Weißen Haus mit den schlechtesten Umfragewerten seit Richard Nixon. Beim Thema Wirtschaft, das die verängstigten Amerikaner besonders umtreibt, räumte McCain Defizite ein.

Aber er schlug sich wacker, bis zuletzt, bis die Finanzkrise über die USA mit Macht hinwegrollte. Dass McCain seinen Wahlkampf unterbrach und nach Washington eilte, um Entschlossenheit zu demonstrieren, ging nach hinten los. „Impulsiv und sprunghaft“ urteilt „Time“. Bis der Senator etwas substanzielles zur Finanzmisere und zu den Nöten der Menschen zu sagen hatte, dauerte es.

Als weitaus verheerender erwies sich allerdings die Kür von Sarah Palin zur Vizekandidatin. „Die Wahl eines “running mate„, die so nachweislich unvorbereitet für das höchste Staatsamt ist, war der letzte Akt von Opportunismus und schlechtem Urteilsvermögen, der alles in seinen 26 Jahren im Kongress Erreichte auslöschte“, ätzte die „New York Times“. Die religiöse Recht begeisterte sich für die stockkonservative Gouverneurin aus Alaska; unter den wichtigen unabhängigen Wählern galt sie bald als schwere Hypothek.

„Wäre nur der echte John McCain angetreten“, seufzte das renommierte britische Magazin „Economist“, das sich vor der Wahl mit Vorbehalten für Obama aussprach. Wie durch Zauberei seien über die vergangenen sechs Monate seine guten Seiten ins Gegenteil verkehrt worden, während seine schlechten übergroß gerieten. Bei wichtigen Themen wie Steuern oder Subventionen wurde er zum Wendehals, zu religiösen Eiferern suchte McCain plötzlich Nähe. Vernichtend das Urteil der „New York Times“: Prinzipien und solides Urteilsvermögen habe er „bis auf den letzten Heller verspielt, um die grenzenlosen Forderungen und engen Vision von Rechtsaußen zu bedienen“.

Aber McCain streckte in der dunklen Stunde der Niederlage den Sieger die Hand entgegen: „Senator Obama hat Großes für sich und für sein Land erreicht“, sagte er am Dienstag. „Ich verspreche ihm (Obama), alles in meiner Kraft zu unternehmen, um ihm dabei zu helfen, uns durch die zahlreichen Herausforderungen zu führen.“

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