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Katholische Kirchgemeinde Rehna: Vertriebenen Sudetendeutschen : "Es nagt und kneift immer noch"

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Erinnerungen, die an einem zehren und kneifen. So geht es auch Edith Ihns, Erich Haupt und Elisabeth Hille. Zusammen sitzen sie an einem Nachmittag bei Kaffee und Keksen.

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erstellt am 30.Jul.2011 | 02:15 Uhr

Erinnerungen, die an einem zehren und kneifen. So geht es auch Edith Ihns, Erich Haupt und Elisabeth Hille. Zusammen sitzen sie an einem Nachmittag bei Kaffee und Keksen. Sie tauchen ein in ihre Vergangenheit - gemeinsam, aber doch irgendwie voneinander getrennt. Denn sie sind Vertriebene. Sudetendeutsche, die nach Kriegsende ihre alte Heimat in Böhmen, heute Tschechien, verlassen mussten. Die "Stunde Null" (Kriegsende 8. Mai 1945) war für sie nicht nur positiv, sondern vor allem mit Flucht und Vertreibung verbunden.

Mit dem allerersten Transport aus Tschechien kam Edith Ihns, damals mit 18 Jahren noch Edith Böhm, Ende Juli 1946 nach Nesow - ins Lager. Von ihrem Heimatdorf Graber (tsch. Kravare) im Böhmischen Mittelgebirge ging es rund 550 Kilometer in Richtung Deutschland: nach Mecklenburg-Vorpommern. "In Leitmeritz wurden wir in Viehwaggons eingeladen - da war viel Platz drin. Das ganze Gepäck konnte da mit rein und die Leute hatten auch Platz", sagt Edith Ihns. Ihre Erinnerungen an die Vertreibung sind immer noch da - vergessen kann die 83-Jährige diese nicht, zu sehr hängt sie an ihnen. 65 Jahre ist es jetzt her - ihre Flucht aus dem schönen Geburtsort. "Eines Abends sind wir hier nach Rehna reingelaufen und haben uns erschrocken. Wie sah dies hier aus, so schrecklich. Hier gab es kein Wasser, hier gab es kein Strom. Und wir hatten zu Hause alles - wir waren keine armen Leute, bei uns gab es das alles noch." Doch sie war jung und es musste irgendwie weitergehen. Vor allem für ihre Eltern war es nicht einfach. Ihr Vater, berichtet Ihns, war bereits 78 Jahre alt und starb kurze Zeit später in Nesow. Ihre Mutter war 67 Jahre alt - kam aber mit den Veränderungen nicht zurecht. Deshalb übernahm Edith Ihns die Verpflegung der Familie. Zunächst haben sie in den Nesower Baracken gewohnt, die noch heute stehen und in denen heute noch eine Familie lebt, wie Pfarrer Ferdinand Zerhusen weiß. Denn mit den vertriebenen Sudetendeutschen gründete sich die Katholische Kirchgemeinde Rehna.

Der Glaube hat ihr immer Hoffnung gegeben

Der Glaube an Gott war es schließlich, der Edith Ihns veranlasste zu hoffen, dass alles besser wird. Dennoch gab es manchmal Zweifel, gesteht sie, mit Tränen in den Augen. "Diese Momente des Zweifels hatte ich öfter. Aber ich habe gemerkt, er war immer da. Es gab so schreckliche Zeiten, aber er hat mir meinen Mann geschenkt", sagt Edith Ihns. Mit Werner Ihns ist sie jetzt seit 58 Jahren verheiratet - fünf Kinder haben sie zusammen. Mittlerweile 13 Enkelkinder und auch schon fünf Urenkel, von denen Edith Ihns gern erzählt. Und die selbst einiges von der Vergangenheit der Oma wissen wollen - vor allem Enkelin Annemarie interessiere die Geschichte der Oma sehr. Doch für Edith Ihns ist das nicht immer leicht. "Wenn man davon erzählt, das kann ich immer noch nicht verkraften. Es nagt und kneift immer noch", sagt Edith Ihns mit Tränen in den Augen.

Vor 65 Jahren kam auch Erich Haupt nach Nesow ins Lager - mit dem zweiten Transport. Damals war er sechs Jahre alt. Als kleiner Junge wollte er immer den Bahnschienen entlang nach Hause laufen, erzählt der heute 71-Jährige. Seine Erinnerungen setzen sich zum Teil aus dem Erzählen seiner Mutter zusammen. Dennoch hat er viele kleine Anekdoten zu erzählen. "Nach der ersten Schulstunde, hieß es Pause. Ich hatte das nicht verstanden, ich bin dann wieder rein, hab mein Schulranzen geholt und bin dann abgehauen. Das war mein erster Schultag", sagt Erich Haupt und muss lachen, als er sich daran erinnert. Doch es gibt auch Bilder, die er nie vergisst - Erinnerungen, die weniger schön sind. "Das Bild der toten Kühe habe ich noch direkt vor mir. Die lagen mit den Beinen hoch im Straßengraben", erzählt Haupt, der erst seit 2006 wieder in Rehna wohnt. Aus beruflichen Gründen hat er zusammen mit seiner Familie häufiger den Wohnsitz gewechselt. Zurück nach Rehna sei er gekommen, weil er seine alte Heimat und alte Freunde wieder sehen wollte. Aber auch wegen der katholischen Kirchgemeinde.

25 Jahre im Lager Nesow gewohnt

Die wohl längste Zeit im Lager Nesow verbrachte Elisabeth Hille. Sie kam vor 65 Jahren gerade mal sechs Monate alt in Mecklenburg-Vorpommern mit dem letzten Flüchtlingstransport an. Zehn Baracken standen in Nesow. In jeder haben damals zwei bis drei Familien gewohnt, erinnert sich Elisabeth Hille. Ihre Familie hatte zwei große Räume zur Verfügung, die gut zwölf Quadratmeter maßen. "Wir hatten eine Wohnküche und einen Schlafraum - in diesem Bereich hat sich alles abgespielt. Im Wald hatten wir unser Herzhäuschen und Wasser haben wir aus einem artesischen Brunnen geholt", sagt Elisabeth Hille, die 1946 im Spätsommer nach Nesow kam. Ihre gesamte Kindheit und Jugendzeit hat die 65-Jährige im Lager Nesow verbracht. Diese Zeit hat sie geprägt. Schließlich ist sie im Wald aufgewachsen. Als sie zur Schule kam, haben sich alle gewundert, dass sie keine Angst hat, wenn es zum Ausflug in den Wald ging. "Als Kinder hatten wir damals die größte Freiheit, die es gab", erinnert sich Hille.

Für alle drei - Edith Ihns, Erich Haupt und Elisabeth Hille - ist Rehna zur Heimat geworden. Doch Reisen nach Tschechien haben alle drei mit ihren Familien unternommen. Das Elternhaus von Edith Ihns steht heute noch. Doch ihr Glück hat sie in Rehna gefunden - wie auch Erich Haupt und Elisabeth Hille. Somit hat Haupt damals als fünfjähriger Junge Recht behalten, als er das Wort "Frieden" hörte. "Als die Leute sich unterhielten und etwas von Frieden gesagt haben, hab ich nur gespürt: Das muss etwas Gutes sein."

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