„Es gibt noch viele Engpässe“

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16. Juli 2008, 11:01 Uhr

Professor Karl-Heinz Breitzmann ist Geschäftsführer des Ostseeinstitutes für Marketing, Verkehr und Tourismus an der Universität Rostock. Das Institut analysiert die Entwicklung des Landes in den Bereichen. Markus Gärtner sprach mit dem Experten.

Der Güterverkehr auf der Straße wird bundesweit um rund 50 Prozent zunehmen – was bedeutet das für Mecklenburg-Vorpommern?

Breitzmann: Dadurch, dass wir relativ wenig Industrie und Bevölkerung haben, ist der Verkehrsumfang hier noch gering. Wir haben hier noch eher wenig Staus und mit die freisten Autobahnen in Deutschland. Ich will da kein Klagelied anstimmen. Im Vergleich zum Ruhrgebiet wissen wir gar nicht, wie gut wir es haben. Das sollte man in der Wirtschaft als Standortvorteil auch ruhig mehr herausstellen.

Aber die Prognosen über Zunahmen treten immer schneller ein, verschläft da die Politik nicht die Entwicklung?

Breitzmann: Das würde ich für Mecklenburg-Vorpommern so nicht sagen. Fehler gab es auch bei der Prognose des Schienengüterverkehrs, der erst jetzt seine Talfahrt beendet hat. Und bundesweit hat man im Seeverkehr die weltwirtschaftliche Entwicklung nicht vorhergesehen, im Hamburger Hafen werden heute schon so viele Container bewegt wie für 2015 prognostiziert. Von der Planung einer Straße vergehen bis zum Baubeginn im Durchschnitt 16 Jahre, das ist nicht leicht, damit zurecht zu kommen. Da ist die A 20 für deutsche Bedingungen unter Rekordzeit gebaut worden.

Warum kann man nicht mehr Güter mit der Bahn transportieren?
Breitzmann: Ein großes Problem: Die Qualität der Bahn, z.B. bezüglich Pünktlichkeit, ist aus Sicht der Spediteure oft nicht ausreichend. Bei Warenladungen, wo mehrere Wagen zu einem Zug gekoppelt oder umgeladen werden müssen, ist der Lkw in der Zeit drei Mal am Ziel. Da hat die Straße einen Systemvorteil. Der Transport von kleineren Mengen entspricht auch der heutigen „just-in-time“-Produktion, wo man ein Produkt dann liefert, wenn es gebraucht wird und möglichst wenig lagern muss.

Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee fordert unter anderem, die Lkw-Maut an die Uhrzeit zu koppeln – der richtige Weg?
Breitzmann: Die Verlade-Wirtschaft hat sehr enge Zeitfenster; es wäre besser, wenn sich das über den ganzen Tag verteilt und die Lkws nicht überall zur selben Zeit fahren. Wenn es zu bestimmten Zeiten teurer wird, werden die Unternehmen darüber nachdenken. Allerdings kann man sich generell am grünen Tisch viele Prinzipien überlegen, das muss man in Feldversuchen in der Praxis testen.
Kritiker beklagen, dass in der Wohlstandsgesellschaft auch immer mehr „Luxustransporte“ die Straßen verstopfen. Brauchen wir wirklich Produkte aus entlegenen Gebieten, die es hier auch gibt?
Breitzmann: Man muss nicht als Erstes auf den Verbraucher zeigen, aber es gibt nicht wenige Menschen, die darüber nachdenken. Ich kenne auch Leute, die aus Umweltgründen bewusst bei regionalen Anbietern kaufen, das kann ich nur begrüßen. Das spricht sich auch bei Unternehmen rum. Am Wichtigsten aber ist es, die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Entwicklung zu ändern.

Was muss in MV verkehrsmäßig noch getan werden für die Zukunft?

Breitzmann: MV hat eine günstige Verkehrssituation im Ostseeraum. Der Verkehr, auch durch den Tourismus, bringt Arbeit und Einkommen ins Land und wir haben nicht viele Wirtschaftszweige, auf die wir sonst bauen können. Daher brauchen wir gut ausgebaute Straßen, obwohl schon viel getan wurde gibt es noch viele Engpässe wie auf der A 14, wo die Kosten jetzt ja auch wieder anziehen. Auch der Güterverkehr auf der Schiene muss ausgebaut werden. In den vergangenen Jahren gab es bundesweit gute Signale, davor ist der Anteil immer weiter zurückgegangen. Viele Güterbahnhöfe haben zugemacht. Bei der Bahnverbindung Rostock-Berlin warten wir darauf, dass sie im zugesagten Maße verbessert wird, um weiter die Kapazität zu erhöhen. Es müssten auch mehr Terminals gebaut werden, denn der kombinierte Verkehr aus Lkw und Bahn hat sich günstig entwickelt.

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