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Die Last mit der Mast : Es brodelt und bebt im Broilerland

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Unter dem Motto "Gegen industrielle Tierhaltungsanlagen" scharen sich am Mittwoch vor dem Landtag Bürgerinitiativen, Parteien und Umweltverbände zum Protest gegen geplante Großmastbetriebe.

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erstellt am 25.Jan.2011 | 09:18 Uhr

Schwerin | Wie viel Viehzeug verträgt ein Tourismusland wie Mecklenburg-Vorpommern, das Gesundheitsland Nummer 1? Die Antwort auf diese Frage veranlasst den einen zu Zukunftsschwärmereien, andere treibt sie auf die Straße. "Gegen industrielle Tierhaltungsanlagen" wendet sich heute Vormittag eine Protestkundgebung am Schweriner Schloss. Den Beginn der Landtagssitzung nutzen Umweltverbände, das Netzwerk der Bürgerinitiativen in Mecklenburg-Vorpommern, Bündnis 90/Die Grünen, Linkspartei und Jusos, um gegen geplante Großmastbetriebe anzugehen. Nach Auskunft des Bundes für Umwelt und Natur Deutschlands (BUND) haben sich Menschen aus mehr als 15 Gemeinden angesagt, die derzeit von Planungen für Mastbetriebe betroffen sind. Ihr Feindbild misst sich in Zehntausenden: 400 000 Hähnchen, 28 000 Schweine, 10 000 Sauen und 35 000 Ferkel sollen ihnen vor die Nasen gesetzt werden.

Es könnten und müssten weitaus mehr werden, wie Till Backhaus (SPD), Minister für Landwirtschaft sowie Umwelt in Mecklenburg-Vorpommern, gern darlegt. "In MV haben wir noch lange keine bedenkliche Tierkonzentration", bekräftigte er gestern. Und, wohlgemerkt: "Da sind sich der Landwirtschafts- und Umweltminister völlig einig." Würde der Bundesdurchschnitt zum Maßstab gemacht, vertrüge das Land statt der gegenwärtig 768 000 Schweine zwei Millionen, statt 559 000 Rinder eine Million und 3,1 statt 1,9 Millionen Legehennen. "Während der Schweinebesatz in MV etwa ein Drittel des Bundesdurchschnitts beträgt, liegt dieser in Niedersachsen beim Doppelten", argumentiert Till Backhaus. Sein Mantra: "Tierhaltung benötigt mehr Arbeitskräfte und bringt mehr Umsatz als Ackerbau." Des Ministers Aussagen über mögliche Arbeitsplätze schwanken allerdings zwischen 20 000 und 50 000. Auf Nachfrage konkretisierte er: "Wenn man den Viehbesatz in MV auf den Bundesdurchschnitt anhebt, könnten zirka 20 000 Arbeitsplätze entstehen, 4000 direkte in der Produktion und 16 000 im vor- und nachgelagerten Bereich."

Ein Mitarbeiter bei 50 000 Tieren

Über solche Zahlen schüttelt Corinna Cwielag, Landesgeschäftsführerin beim BUND, nur den Kopf. Seit die Klage der Umweltverbände gegen das genehmigte Sauen-Kombinat in Alt Tellin (Landkreis Demmin) läuft, herrscht an der Schweine-Front vorläufig Waffenruhe. Darum führt sie den jüngsten Aufreger aus der Broiler-Branche - Anstoß der heutigen Widerstandsbewegung - als Beispiel an: Im Landkreis Parchim liegen die Dörfer Kuppentin und Gallin rund einen Kilometer Luftlinie auseinander. In Kuppentin gibt es eine Hähnchenmastanlage mit 50 000 Tieren und einem Mitarbeiter. Der Betreiber plant die Erweiterung um 100 000 Broilermastplätze und eine halbe Arbeitskraft. "Er erhielt eine vorzeitige Baugenehmigung, obwohl ein Gutachten die vorgelegten Immissionsberechnungen als fehlerhaft befunden hat", sagt Corinna Cwielag. Der BUND hat Widerspruch eingelegt. Die Gegner des Vorhabens in Kuppentin sehen das große Wort von der Bürgerbeteiligung ad absurdum geführt. Ihr teuer bezahltes Gutachten mit allen seinen Einwänden - unter anderem zweifelhafte Wetterdaten und ungenaue Abstände von Ställen zur Wohnbebauung - wurde vom Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt übergangen, wie die BUND-Chefin schildert.

In Gallin wurde unterdessen anders als im Nachbardorf ein Raumordnungsverfahren gestartet, als ein Landwirt den Antrag für eine 300 000er-Hähnchenmastanlage einreichte. Der Haken dort: "Die Pläne für Kuppentin werden werden dabei gar nicht einbezogen", kritisiert Corinna Cwielag, die sich wünschen würde, dass Genehmigungsverfahren weniger "undurchsichtig und willkürlich" und ohne "politischen Druck" geführt werden. Zumal es nicht zuletzt um gewaltige Fördersummen geht.

Dabei können sich die Umweltverbände mit dem erklärten Willen des Landtages, den Tierbestand in Mecklenburg-Vorpommern zu erhöhen, durchaus anfreunden. Sie fordern aber eine Debatte um das Wie und setzen sich für artgerechte Tierhaltung anstelle von Großanlagen ein. Einmal mehr vor dem Hintergrund des Dioxin-Skandals und der Tatsache, dass der Hähnchen-Markt in Deutschland längst als gesättigt gilt.

Vergleich zu Brandenburg

Der BUND wendet sich gegen den im Landwirtschaftsministerium so beliebten Vergleich mit Niedersachsen, dem Schweine-Zenit der Republik, und empfiehlt stattdessen einen Blick nach Brandenburg. Das südliche Nachbarland hat "vergleichbare Agrarstrukturen", erklärte Corinna Cwielag, und zudem eine ähnliche landwirtschaftliche Entwicklung wie Mecklenburg-Vorpommern genommen. Beim Vergleich des Viehbestandes, der in "Tieren je 100 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche" angegeben wird, zeigen sich nur kleine Unterschiede: Demnach kamen 2009 hierzulande 30,5 Rinder und 2,9 Schweine auf 32 Rinder und 3,2 Schweine in Brandenburg.

Andere Bundesländer machen vor, wie industrielle Tierhaltungsanlagen gezähmt werden können, wie Corinna Cwielag mit Blick auf Sachsen-Anhalt einschätzt. Dort werde für jeden neuen Großmastbetrieb ein Raumordnungsverfahren in Gang gesetzt. Das könnte auch im Nordosten dazu führen, Konflikte zwischen Landwirtschaft und Tourismus zu lösen: Wenn etwa entschieden werden muss, ob zum Schloss Rattey (Mecklenburg-Strelitz) oder zum Gartendenkmal Marihn (Müritzkreis) die beantragten Broilermast-Riesen Klein Daberkow oder Klein Luckow passen.


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