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Missstände in Jugendwerkhöfen : Erzieher trugen DDR-Heimsystem mit

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Gestützt, gefügt, gelitten: Missstände in Jugendwerkhöfen der DDR. Welche Rolle spielten Ost-Pädogogen in den Jugendwerkhöfen? Eine umfassende Forschung fehlt, um Urteile über die Erzieher zu fällen.

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erstellt am 22.Apr.2012 | 10:30 Uhr

Schwerin | Als Erzieher Helmut S. den oberen DDR-Stellen beharrlich über die Missstände in seinem Jugendwerkhof berichtete, landete er vor Gericht. Weil er das Heimsystem an sich verantwortlich machte, wurde S. verurteilt. Er habe staatliche Stellen verächtlich gemacht. Auch eine junge Erzieherin wurde strafversetzt, weil sie eine 16-jährige Heiminsassin in den Arm genommen hatte. Heim-Experte Christian Sachse folgerte aus Berichten wie diesen: "Wir dürfen nicht alle Heimerzieher als Feind sehen." Auf einer von der Landesbeauftragen für die Stasi-Unterlagen veranstalteten Tagung in Schwerin löste er damit eine interessante Debatte aus.

Ein ehemaliges Heimkind wehrte sich vehement. "Die Erzieher haben gewusst und geduldet, was in den Heimen lief." Eine Frau räumte ein, dass einige ihrer Erzieher sich Mühe gaben. "Ich habe gelitten, wenn diese dienstfrei hatten und ich den anderen ausgeliefert war."

Debattiert wurde über die Spezialkinderheime und die Jugendwerkhöfe, in denen "schwererziehbare" Kinder zu "sozialistischen Menschen" umerzogen werden sollten. In der DDR gab es 401 Kinder- und 73 Spezialheime. 1989 waren in den Spezialheimen etwa 5500 Kinder und Jugendliche untergebracht.

Die Einweisung ins Heim erfolgte oft auf wackeligen Rechtsgrundlagen, Eltern konnten sich nicht dagegen wehren. In manchen Heimen gab es Arrest und Prügel, obwohl laut DDR-Gesetzen nur Verweise, Tadel und Verwarnungen erlaubt waren. Laut Sachse wurden zahlreiche Übergriffe in den Heimen den übergeordneten Dienststellen gemeldet, aber oft nur halbherzig verfolgt.

Von pädagogischen Grundlagen für die Heimerziehung könne keine Rede sein, so Professor Karsten Laudien, denn es gab keine Methoden, die dem hehren Ziel dienten. Stattdessen sollte "die innere Welt des Kindes umorientiert werden", auf dass ein unter Zwang eingepauktes Verhalten von diesem später als "freiwillig" betrachtet werde. Wie weit der "theoretische" Rahmen allerdings umgesetzt wurde, hing vom Klima und von den Erziehern in den einzelnen Heimen ab.

"Die umfassende Forschung fehlt, darum ist es zu früh, Urteile über die Erzieher zu fällen", sagt der Jenaer Soziologe Michael Hoffmann. Auf keinen Fall seien die Spezialheime darauf ausgelegt gewesen, "gebrochene Biographien der Kinder zu heilen". Eine Studie in Thüringen lege nahe, dass ein Drittel der Erzieher das rigide System der Spezialheime und dessen "Kollektiverziehung" explizit mitgetragen habe. Andere hätten sich gefügt, wieder andere hätten selbst arg unter den Zuständen und Methoden gelitten.

Das Erziehungs-Ziel des "sozialistischen Menschen" an sich als Unrecht einzustufen - soweit ging keiner der Experten. Martin Patzeld, ehemaliger Leiter eines kirchlichen Kinderheimes: "Es war kein Unrecht, aber ein großer Irrtum."

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