Erpressung: Zäher Prozess-Auftakt

Der Prozessauftakt um die Erpressung der Liechtensteiner Landesbank (LBB) ist gestern vor dem Rostocker Landgericht nach mehreren Stunden vertagt worden. Eine Flut von Anträgen der Verteidiger verhinderte nicht nur die Verlesung der Anklage.

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11. April 2008, 07:52 Uhr

Rostock - Im Landgericht Rostock herrschen Sicherheitskontrollen wie auf dem Flughafen: Jeder einzelne Besucher wird mit einem Metalldetektor abgetastet. Das erfordert Geduld. Und die war am gesamten ersten Prozess-Tag um die vier mutmaßlichen Erpresser der Liechtensteinischen Landesbank (LLB) nötig. Die Verhandlung dauerte zwar Stunden – aber es kam nicht einmal zum Verlesen der Anklage. Die Verteidigung hielt die 8. Große Strafkammer mit zahlreichen Anträgen auf Trab. Darunter ein Befangenheitsantrag gegen das Gericht. Auch Anträge, das Verfahren auszusetzen, weil einer der Angeklagten die Ladung nicht rechtzeitig erhalten habe. Und weil ein anderer Angeklagter nach Auffassung seiner Anwälte verhandlungsunfähig ist. Das Gericht hat sämtliche Entscheidungen auf einen späteren Tag verschoben. Die Staatsanwaltschaft hält die Anträge für überflüssig und sprach von Versuchen, das Verfahren zu verschleppen.

So scheint sich zu bestätigen, was die Hamburger Anwältin Leonore Gottschalk-Solger im Vorfeld andeutete: Das könnte ein mühsamer Prozess werden. Sie verteidigt mit zwei Kolleginnen den Hauptangeklagten Michael F., 48 Jahre alt und der Justiz bundesweit durch eine Reihe schwerer Straftaten bekannt. Der Rostocker wird, wie die anderen Angeklagten auch, aus der U-Haft gefesselt in den Saal geführt. Er verdeckt sein Gesicht vor den Fotografen mit einem Schild, das er selbst beschriftet hat: „LLB = kriminell“. Was immer er damit ausdrücken will, die Zuhörer erfahren es an diesem Tag nicht. Die Angeklagten, die bislang zu den Vorwürfen schwiegen, kamen gestern nicht zu Wort. Es ist auch unklar, ob sie während des Prozesses überhaupt aussagen werden.

Immerhin war schon im Vorfeld bekannt, was den vier Männern aus Rostock und Schleswig-Holstein vorgeworfen wird: Sie haben sich laut Staatsanwaltschaft im Frühjahr 2005 mindestens 2325 Kontobelege von Kunden der LLB verschafft und von der Bank neun Millionen Euro erpresst. Mehr als 700 Datensätze sollen sich noch im Besitz der Männer befinden. Wenn sie die herausrücken, könnte das bei einer Verurteilung ihre Strafen mildern. Gespräche darüber gab es im Vorfeld zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung von Michael F. Doch offensichtlich bislang ohne Ergebnis. Angewiesen sei die Staatsanwaltschaft jedenfalls nicht auf das Entgegenkommen des Hauptangeklagten, meint Oberstaatsanwalt Peter Lückemann.

Drei der Angeklagten, die sich offenbar im Gefängnis kennen lernten, sind durch Vorstrafen erheblich belastet. Neben Michael F., der für die Entführung eines Rostocker Unternehmersohnes und weiterer Straftaten 1998 zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde, auch Jens P. und Michael A.. Für die beiden Männer aus Schleswig-Holstein sprach das Schweriner Landgericht 1999 in einem der bislang größten Drogenprozesse im Land hohe Freiheitsstrafen aus: je elf Jahre. Sie haben mindestens 32 Kilo Kokain von Jamaika nach Deutschland geschmuggelt. Die beiden Kumpel wurden 2005 vorzeitig entlassen. Da war auch F. auf freiem Fuß.

Von Thomas K. dagegen ist bislang wenig bekannt. Er war dem Vernehmen nach Immobilienmakler und der Nachbar einer der beiden Männer aus Schleswig-Holstein. Seine Verteidiger halten ihn wegen seines schlechten Gesundheitszustandes für verhandlungsunfähig. Am Rande der Verhandlung war von Herzproblemen und Depressionen die Rede.

Rechtsanwältin Gottschalk-Solger machte noch etwas öffentlich: Die vollständige Gerichtsakte sei für 2000 bis 3000 Euro Medien zum Verkauf angeboten worden. Aus „offenbar bedürftigen Juristenkreisen der neuen Bundesländer“, hieß es nebulös. Das habe ihr ein Journalist berichtet. Die Staatsanwaltschaft kündigte Ermittlungen an. Der Prozess soll am Mittwoch fortgesetzt werden.

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