Erinnern? Lieber nicht! Über Prora und gescheiterte Erinnerung

Fünf Blöcke bilden den Koloss von Prora: Was die Nazis als „Kraft durch Freude“-Bad für 20 000 Menschen planten, war zu DDR-Zeiten die größte Kasernenstadt des landes und  ist jetzt auf dem Weg zur Hochburg des Massentourismus. Foto: dpa
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Fünf Blöcke bilden den Koloss von Prora: Was die Nazis als „Kraft durch Freude“-Bad für 20 000 Menschen planten, war zu DDR-Zeiten die größte Kasernenstadt des landes und ist jetzt auf dem Weg zur Hochburg des Massentourismus. Foto: dpa

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27. Mai 2008, 06:32 Uhr

Wie der Abriss der Mauer und des Palastes der Republik in Berlin steht die Umgestaltung Proras zu einem massentouristischen Erholungszentrum für den Historiker Dr. Stefan Wolter beispielhaft das Scheitern der Erinnungskultur in Ostdeutschland. Michaela Christen sprach mit dem Berliner Buchautor.

Was bedeutet Prora für Sie?
Für mich ist es ein Denkmal der Entrechtung und Unterdrückung, ein einzigartiges Zeugnis des Machtmissbrauchs sowohl im Regime der Nationalsozialisten als auch in der „Diktatur des Proletariats“. Inzwischen entwickelt sich Prora immer mehr zu einem fragwürdigen Symbol: Der Ort könnte künftig für das Scheitern der Erinnerungsarbeit in Ostdeutschland, für das Nichtbewältigen eines kollektiven Traumas stehen.

Weil jetzt Jugendliche dort unbeschwert Urlaub machen?
Weil ich es geradezu absurd finde, dass Prora nach 70 Jahren nun doch noch zu dem werden soll, wozu es einst geplant war: zu einer Hochburg des Massentourismus. Glücklicherweise ohne totalitäre Ideologie, aber der Ideologie des Hedonismus verpflichtet. Wellness, Sporthotels sind für mich Zeugnisse einer gescheiterten Erinnerungskultur. Es ist mir unbegreiflich, wie Block V entkernt werden konnte, ohne die Vergangenheit zu berücksichtigen, geschweige denn sie zu dokumentieren. (Immerhin war unter den Etagen der Bausoldaten der „Militärische Stab“ für das Baubataillon Mukran eingerichtet. Wenigstens Teile von Prora hätten die Chance geboten, das 20. Jahrhundert als das Jahrhundert der totalitären Systeme anschaulich zu präsentieren. Da hätte man jede Schulklasse zum anschaulichen Demokratie-Unterricht hinschicken können Statt dessen wurde dieses einzigartige Zeugnis der Diktatur in Deutschland konzeptlos in Einzelteilen verhökert. Die konstruktiven Museen, die in Prora entstanden sind, wurden geschlossen oder sollen verlagert werden. Ein Unding.


Prora ist bekannt für seinen Strand und die gigantische KdF-Anlage. Das von der nationalsozialistischen Freizeitorganisation geplante Seebad wurde jedoch nie fertig. Zu DDR-Zeiten zog dort die NVA ein. Auch Wehrdienstverweigerer wurden hier kaserniert und schikaniert. Einer von ihnen war der Stefan Wolter. Der Historiker hat seine Erlebnisse in dem Buch „Der Prinz von Prora“ verarbeitet. Am 29. Mai liest er um 19.30 Uhr in der Landesbibliothek in Schwerin.

Ein Einzelfall?
Im Geschichtsunterricht kommt DDR-Geschichte doch kaum vor. Und täglich verschwinden Zeugnisse aus der DDR-Vergangenheit. Ein Frevel beispielsweise ist der Abriss des „Palastes der Republik“, in dem 1990 sogar ein wesentliches Stück Geschichte unseres heutigen Landes geschrieben wurde. Oder man schaue auf die Berliner Mauer. Noch heute werden Teile in Berlin kommerziellen Interessen geopfert. Nur hier und da ist im Land ein Ort des Erinnerns geblieben, ansonsten wurde und wird großzügig abgerissen, nach der Geschichte wenig oder gar nicht gefragt.

Was hat Sie als Jugendlicher in Prora so sehr traumatisiert?
Die Auslieferung an ein System, das nur die eigenen Sichtweisen tolerierte. „Bausoldaten gehören an die Wand gestellt“ oder „Die ersten fünf stellen wir an die Wand, dann nehmen die anderen freiwillig die Waffe in die Hand“. Das sind so Sätze, die wir Bausoldaten zu hören bekamen. Wir wurden als „Staatsfeinde“ behandelt. Bausoldaten waren stigmatisiert, auch später. Vielen blieb eine Karriere versagt. Es ist nicht richtig, heutigen Jugendlichen die Bedeutung des Ortes vorzuenthalten oder Prora nur als einen Ort der NS-Geschichte darzustellen. Das für 20 000 Menschen bestimmte Seebad ist ja damals nicht fertiggestellt worden. Dafür war es später die größte Kaserne der DDR mit über 15 000 Uniformierten.

Können Sie sich erklären, warum die wechselvolle Geschichte von Prora heute lieber verdrängt wird?
Das Problem in Prora sind die unterschiedlichen Sichtweisen auf diese Anlage und eine offenbar auch politisch gewollte Fokusierung auf das „Nazibad“. Die DDR-Vergangenheit des Ortes kann dadurch galant verdrängt werden, was sicherlich im Interesse der Täter und Mitläufer liegt. Sie agieren ja noch heute unter uns.

In Block V soll aber ein Begegnungszentrum entstehen, in dem auch politische und historische Arbeit geleistet wird. Ist Ihnen das zu wenig?
Das „Prora-Zentrum e.V.“ ist dafür sicher nicht geeignet, denn es hat ja die Entwicklung bis hierher geschehen lassen. Nur einen einzigen Raum im Block V konnte ich im Originalzustand retten. Es ist der Klubraum der ehemaligen Bausoldaten. Ich hoffe, dass frühere Wehrdienstverweigerer hier Erinnerungsarbeit leisten werden. Dazu wollen wir einen Verein gründen. Paradox ist, dass viele der früheren Wehrdienstverweigerer über diese Zeit voller Schikanen nicht sprechen wollen oder können. Damals kamen diese Unangepassten nach Prora, weil sie die Dinge nicht schweigend über sich ergehen ließen. Heute wächst Gras über das Geschehen, weil viele Couragierte von Einst schweigen.

Gibt es wissenschaftliche Forschungen zu Prora?

Kürzlich erschien in der Landeszentrale für politische Bildung eine Studie über Mukran im Visier der Staatssicherheit. Von systematischer Aufarbeitung kann aber keine Rede sein. Dabei sind wissenschaftliche Untersuchungen zu Prora unbedingt erforderlich. Auf rästelhafte Weise sind viele Akten, vor allem auch Stasiunterlagen, verschwunden. Prora ist ein Sumpf, und die Politik, auch die häufig einseitig berichtenden Medien, haben ihren Anteil daran, dass er nicht trocken gelegt wurde. Es gibt aber auch Positives zu berichten: Einer der ehemaligen Bausoldaten hat aufgrund meines Buches eine Internetseite eingerichtet. Ziel ist die Aufarbeitung der Erinnerung an Prora. Sicherlich ein Anfang.

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