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Hans-Hilmar Koch bringt alte Druckmaschinen in die Gänge : "Erfreuliche Drucksachen"

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Hans-Hilmar Koch macht Druck. Erfreulichen Druck. Mit uralten Maschinen bringt er spitzbübische Katzen, grinsende Fische, dreiste Sprüche und zweideutige Lebensweisheiten aufs Papier.

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erstellt am 24.Nov.2011 | 10:01 Uhr

Krakow am See/Schwerin | Hans-Hilmar Koch macht Druck. Erfreulichen Druck. Mit uralten Maschinen bringt er spitzbübische Katzen, grinsende Fische, dreiste Sprüche und zweideutige Lebensweisheiten aufs Papier. "Erfreuliche Drucksachen" nennt der Mecklenburger denn auch das, was aus seiner künstlerischen Ader fließt. "Wer zu uns kommt, müsste eigentlich Vergnügungssteuer zahlen", sagt Papierrestauratorin Carmen Wallow, die gemeinsam mit Holzbildhauerin Silke Krempien und Hilmar Koch in der Schweriner Schelfstadt den Künstlerladen Blickwinkel betreibt.

Soeben wirbelt der Meister der schwarzen Kunst selbst zur Tür herein. Es ist Montag und da hat Hans-Hilmar Koch Ladendienst. Damit der Tag sauber beginnt, pustet er erst einmal den Staub von den eisernen Druckmaschinen. Hans-Hilmar Koch ist vernarrt in die noblen Stücke, die trotz ihres hohen Alters nicht nur steif dastehen, sondern jederzeit in Fahrt kommen können.

Einige der Maschinen hat Koch nach der Wende vor der Schrottpresse gerettet. In jeder steckt für ihn eine Seele und zu jeder kann er eine Geschichte erzählen. Vorausgesetzt, er hat Zeit, denn Hans-Hilmar Koch leitet in Krakow am See ein Buchdruckmuseum.

Auf der Jagd nach alten Maschinen

Dieser Mann ist ein Jäger und Sammler. Leere Seiten gibt es in seinem Leben nicht. Blättern wir einfach mal in einigen Kapiteln seines Lebens nach.

Er verbrachte seine Kindheit in Bernburg an der Saale. Er wird Agraringenieur für Versuchswesen. Doch die Fußstapfen seines Vaters, der Landwirt ist, passen nicht zu seinen eigenen. "Ich hab während des Studiums in Quedlinburg schon woanders hingeschielt", erinnert sich der Kunsthandwerker, Jahrgang 1960. "Ich hatte immer Lust, was Graphisches auszuprobieren." Und so macht er sich auf den Weg in den Norden. Von Mecklenburg war er schon immer fasziniert. 1987 beginnt er im Traditionsbetrieb Karl Keuer in Bützow die Lehre. Bis 1990 wird er zum Buchdrucker und Schriftsetzer ausgebildet.

Eigentlich hat er nun vor, eine Graphikwerkstatt für Künstler zu eröffnen. "Es gab einen Bedarf an Hochdruck für Künstler in der DDR. Die Kapazitäten in den Druckereien reichten nicht aus", blickt Hans-Hilmar Koch zurück. Doch nach der Wende hatten die Kreativen andere Sorgen. Der Grafikdrucker verdient vorerst sein Brot in der Werbeabteilung des Barlach-Theaters Güstrow.

Nach der Wende sind überall alte Druckmaschinen für wenig Geld zu haben. Alle gieren nach Computern, und Kopierern. Hans-Hilmar Koch interessiert sich jedoch für die eisernen Denkmäler. In manchen Druckereien kommt er zu spät. Die Maschinen sind längst verschrottet. Es gibt Leute, die schütteln den Kopf über ihn. "Da fängt wieder einer mit Druck an", knurren sie. "Vorbei ist vorbei, die Geschichte wiederholt sich nicht."

Hans-Hilmar Koch lässt sich nicht beirren. Er glaubt an die Faszination dieser Technik. Ihm ist klar, dass der Buchdruck eine der bedeutendsten Erfindungen der Menschheit ist, wenn nicht gar die bedeutendste.

Nachdem der umtriebige Kunsthandwerker eine recht anständige Sammlung alter Maschinen zusammen hat, stößt er zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort auf die richtigen Leute. "Es begann damit, dass im schönen Luftkurort Krakow am See eine alte Druckerei stand, die 1990 geschlossen worden war und die seitdem niemand mehr betreten hatte", erinnert er sich. "Ich setzte mich mit den Erben in Verbindung, alte Damen über 80 aus Süddeutschland. Sie gaben mir grünes Licht. Also ging ich in die Zeitkonserve rein. Das war ein Glücksfall. Dort standen Maschinen über 100 Jahre alt im Originalzustand."

Auf dem Weg zum Rathaus, wo der Schlüssel für die alte Druckerei lag, war Hans-Hilmar Koch zuvor dem Bürgermeister in die Arme gelaufen, dem er von seiner Idee, ein Museum zu eröffnen, erzählte. Dieser fing sofort Feuer und verriet ihm, dass für eine alte Schule eine kulturelle Nutzung gesucht werde. Da passte Kochs museale Schaudruckerei genau rein.

"Die Leute wollen die Prägung fühlen"

Im Mai 1998 öffnete er die Türen zum Ersten Buchdruckmuseum Mecklenburg-Vorpommern. Die historische Buchdruckerei mit Museum und Schauwerkstatt richtete er so ein wie einen Familienbetrieb der 1920-er Jahre. Alle Maschinen funktionieren.

Inzwischen sind unzählige Schulklassen aus der Region zu ihm in die Büchermacherwerkstatt für Kinder gepilgert. Sie lauschen seinen Erzählungen, dem Rattern der Maschinen und verfolgen die Kunst des Schriftsetzens. Da die Anfahrt aus manchen Ecken des Landes zu weit ist, packt Hans-Hilmar Koch neuerdings einen kleinen Teil seiner mobilen Druckerei ein, um Schulen in Schwerin, Neubrandenburg oder Rostock anzusteuern. An der Tischpresse und mit experimentellen Spielen führt er den Kindern das Handwerk anschaulich vor. Nach dem Boom von Kopierer und Co. spürt Hans-Hilmar Koch seit etwa acht Jahren einen Wandel in seiner Branche. "Die Leute legen wieder mehr Wert darauf, die Prägung zu fühlen. Ich habe Kunden aus ganz Deutschland, die gezielt jemanden suchen, der Visitenkarten, Briefpapier, Karten und Künstlerbücher im klassischen Bleisatzverfahren herstellt."

Hans-Hilmar Koch ist froh, Durchhaltevermögen bewiesen zu haben. "In durstigen Zeiten macht man sich schon Sorgen, wie man als Selbstständiger in die Zukunft gehen soll." Nach und nach wird"Gesamtkunstwerk"

sogar ein alter Wunsch wahr. "Bedeutende Buchillustratoren wie Werner Schinko aus Röbel und Hans-Joachim Behrendt lassen bei mir drucken."

Hans-Hilmar Koch ist ein quirliger Geist, aus dem die Worte nur so heraussprudeln. Doch genug geredet für heute Die Arbeit ruft. An der Bostonpresse aus dem Jahr 1896 will er heute noch ein paar Visitenkarten drucken. Während sich die Schrift ins Papier frisst, ist er still bei der Sache. Sein Blick kriecht in die Maschine. Die Arbeit erfüllt ihn mit Ruhe. Jeglicher Druck fällt von ihm ab.

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