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Sich dem Thema Sterben nicht verschließen : Er ist ganz einfach rüber geschlafen

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Marina Pohl ringt nach sieben Monaten immer noch mit ihrer Fassung, wenn sie vom Tod ihres Vaters Hans Roeske spricht. Die Tochter erzählt ihre Geschichte vom Umgang mit dem Sterben, das für viele ein Tabu ist.

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erstellt am 25.Jul.2011 | 05:12 Uhr

Neuhof | "Er ist ganz einfach rüber geschlafen..." Marina Pohl ringt auch heute noch, nach mehr als sieben Monaten, mit ihrer Fassung, wenn sie vom Tod ihres Vaters Hans Roeske spricht. Die Tochter hat sich ganz bewusst entschieden, dass das Leben des schwer kranken 80-Jährigen nicht in einem Klinikbett endet. Mit ihrem Mann, ihrem Bruder, dessen Frau und ihrer Mutti stand die Neuhoferin an einem kalten Januartag am Sterbebett ihres Vaters, das im eigenen Wohnzimmer hergerichtet war.

"Wir waren einfach ganz ruhig", sagt Marina Pohl. "Vati hat sich entspannt. Er hat die letzten zwei Stunden geschlafen. Er ist ganz einfach rüber geschlafen..."

Marina Pohl erzählt ihre Geschichte vom Umgang mit dem Sterben, das für viele ein Tabu ist. Die 52-jährige Neuhoferin möchte Mut machen, sich dem Thema nicht zu verschließen. Ihr Papa war immer der Starke, sagt Marina Pohl, ihr Held. "Er war fit wie ein Turnschuh", erlebte die Tochter ihn auch noch im hohen Alter.

Im März vergangenen Jahres diagnostizierten die Ärzte Magenkrebs. Ihr Vater wurde operiert, musste sich einer Chemotherapie unterziehen. Der Krebs war zu diesem Zeitpunkt aber schon mit der Bauchspeicheldrüse verwachsen. "Ich habe dem Arzt gesagt, er möchte Vati nicht sagen, dass es keine Heilung gibt", sagt Marina Pohl. Der Mediziner stutzte. Er könne den Patienten doch nicht belügen. Aber er brauche ihm auch nicht alles sagen, meinte Marina Pohl. "Sie nehmen ihm die Kraft!"

Noch im gleichen Jahr erlitt Hans Roeske einen Schlaganfall. Er wurde in die Notaufnahme nach Rostock gebracht. 14 Tage lag er auf der Palliativstation im Südstadtkrankenhaus. "Es wäre für ihn das Hospiz gewesen", sagt die Tochter. Denn es war keine Hoffnung mehr, der Arzt sprach von Monaten evtl. auch nur Wochen. So gab es nur noch die Möglichkeit, den Vater zum Sterben ins Hospiz zu bringen oder ihn heim zu holen.

Die Tochter wollte ihn nach Hause holen. "Wir bauen für ihren Vater ein Nest", diese ermunternden Worte einer Krankenhausmitarbeiterin kommen Marina Pohl noch heute immer wieder ins Gedächtnis. Die Frau in der Klinik wirkte als Bindeglied zu Sozialstationen, Hausärzten, ambulanten Hilfsdiensten. Zu Menschen, die helfen, wenn ein Sterbender in der Familie betreut wird. Um für die letzte Zeit des Lebens ein Nest zu bauen, in dem er sich umsorgt und geliebt fühlt.

Marina Pohl stellte im Wohnzimmer in ihrem Neuhofer Haus das Bett für ihren totkranken Vater auf. Dort verbrachte er seine letzten Tage - vom 22. Dezember über das Weihnachts- und das Neujahrsfest - bis zu seinem Tod am 8. Januar. Er war immer bei der Familie - auch beim Festessen mit den Kindern.

"Er war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte und das tat so gut", sagt Marina Pohl. "Wir ließen ihn teilhaben an allem, erzählten ihm alles, als wenn wir alle Zeit der Welt hätten. Wir sogen jede Minute auf wie ein Schwamm, wohl wissend, dass es für den Rest unseres Lebens reichen musste."

Morgens und abends kamen Schwestern von der Sozialstation des ASB in Bad Kleinen, um ihren Vater zu waschen zu pflegen, neu einzukleiden, das Bett neu zu beziehen. Marina Pohl berichtet von Frauen, "die uns wirklich wundervoll zur Seite standen, Mut machten undb manch guten Tipp gaben, um es so noch optimaler für meinen Papa zu gestalten."

Eine völlig neue Situation für die 52-jährige Tochter. Anfangs ging sie heraus, als sie ihren Papa plötzlich nackt sah. Später wurde es für die Tochter zur Normalität, ihren Vater auch in intimen Bereichen zu waschen. Ihm die Windeln zu wechseln, so wie er es vor vielen Jahren auch einmal bei ihr getan hatte, als sie noch ein Baby war.

"Bei mir zuhause habe ich ganz viel mit ihm gesprochen", berichtet die Tochter. "Er hat Anteil genommen." Sie habe das an der Mimik und Gestik ihres Vaters gespürt. "Er ist sehr ruhig gewesen. Wir saßen alle um meinen Vati herum am Bett und streichelten ihn und so schlief er ganz ruhig hinüber."

Als ihr Vater für immer die Augen geschlossen hatte, schickte die Tochter für die nächsten schweren Stunden Mutter und Bruder nach Hause. Der Bereitschaftsarzt kam, um den Tod festzustellen. Sie wusste, dass ihr Vater dazu noch einmal völlig ausgezogen wurde. "Ich hatte jeden Schritt im Voraus bedacht", sagt sie und rät ab, erst im Schmerz damit zu beginnen etwas zu regeln. Wichtig sei es beispielsweise auch, dass man in guten Zeiten über die Themen Krankheit und Tod in der Familie spricht, Betreuungs-, Kontenvollmacht und Patientenverfügung erstellt, die unterschiedlichen Möglichkeiten einer Bestattung bespricht und wo der einzelne sich seine eigene Bestattung vorstellen könnte.

"Als Papa abgeholt wurde, stand die Welt einen Augenblick still und als sie sich dann weiter drehte, war nichts mehr wie es war", so Marina Pohl. "Eine Seite unseres Herzens war so voller Trauer, aber die andere Seite war unsagbar ruhig und dankbar, dass wir den Mut gefunden haben diesen Weg zu wählen." Sie wünsche sich, so sagt die Neuhoferin, dass sie auch einmal nicht allein sterben muss.

Es gibt ganz viele Menschen, die gleiches wie sie tun, sagt Marina Pohl. "Aber wie viele Menschen möchten es gerne tun, hadern aber mit sich, glauben es nicht zu schaffen. Sie haben Angst vor all dem Unbekannten, Unkalkulierbaren - vor dem Tod. Ihnen möchte ich Mut machen, deshalb erzähle ich unsere ganz persönliche Geschichte." Sie ermuntert, die Hilfen zu nutzen. Waren es in ihrem Fall die Fachfrau in der Klinik, die Hausärztin in Warin, die Schwestern von der Sozialstation und natürlich die Familie, so kann für Menschen, die keinen Partner haben, möglicherweise auch ein tröstender Helfer vom ambulanten Hospizdienst in der letzten Stunde dabei sein. "Allein schafft man das nicht zu stemmen", so Marina Pohl.

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