Endlich Gewissheit

Über 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges liegen immer noch zahllose Kriegsschicksale im Dunkeln. Die Spuren der Menschen verloren sich in den Kämpfen, auf Transporten, in Kriegsgefangenenlagern. Zusammen mit NDR 1 Radio MV wollen wir helfen, Licht in dieses Dunkel zu bringen. Unser gemeinsamer Servicetag am 13. November steht unter dem Motto „Grabnachforschung“. Bei einer ähnlichen Aktion vor zwei Jahren suchte Charlotte Meyer aus Parchim nach ihrem Ver-

lobten. Und tatsächlich wurde sein Grab gefunden.

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10. November 2008, 08:27 Uhr

„Er war meine Jugendliebe.“
Die Stimme von Charlotte Meyer klingt bestimmt, aber ihre Augen schwimmen in Tränen. In den Händen hält sie ein wenig mehr als passbild-großes Foto. Es ist abgegriffen, vergilbt – kein Wunder, die Aufnahme entstand vor annähernd 65 Jahren. Erich Gabor lächelt darauf unbeschwert in die Kamera. Er war 19, als ihn Charlotte Meyer, die damals noch ihren Mädchennamen Rudat trug, kennenlernte. „Ich war damals 16 und half bei uns zu Hause in Ostpreußen in der Postagentur meines Vaters mit“, erinnert sich die heute 82-jährige Parchimerin. Täglich kamen Soldaten aus der nahe gelegenen Kaserne in die Agentur, wollten telefonieren, Marken kaufen oder Briefe aufgeben. Erich Gabor war einer von ihnen.
In der Postagentur des Vaters fing alles an
„Erich hatte sich gleich nach dem Abitur zu den Soldaten gemeldet. Jeden Tag kam er in die Postagentur. Zuerst hatte er dafür immer irgendeinen Grund, aber irgendwann fiel ihm wohl keiner mehr ein – und dann hat er mich geradeheraus gefragt, ob ich mal mit ihm spazieren gehen würde“, erinnert sich Charlotte Meyer. Vorher hatte der junge Mann sich dafür die Erlaubnis ihres Vaters eingeholt – „das gehörte sich damals so“. Die beiden waren sehr verliebt, schmiedeten schon bald Pläne für eine gemeinsame Zukunft. Am 20. November 1942 schrieb der junge Mann seiner Liebsten ins Poesiealbum : „Liebe wohnt auf allen Wegen. Treue wohnt für sich allein. Liebe kommt auch rasch entgegen. Aufgesucht will Treue sein. Gewidmet meiner kleinen Lotti zur guten Erinnerung“
Im Februar verlobt, im Juni schon Witwe
Das Poesialbum, ein Geschenk zum Weihnachtsfest 1939, ist heute einer von Charlotte Meyers größten Schätzen. Sie bewahrt es zusammen mit einem Packen Feldpostbriefe auf. „Als Erich ins Feld musste, hat er fast jeden Tag geschrieben – mal nur eine Postkarte, dann wieder richtig lange Briefe.“ In einem der Umschläge steckte eine getrocknete Rose – Charlotte Meyer besitzt sie immer noch.

Im Februar 1944 verlobt sich das Paar. „Erich hatte für uns ganz feste Pläne, er wollte mich heiraten, sowie ich 18 würde und er das nächste Mal Heimaturlaub bekäme.“ Charlotte war 17 und fieberte diesem Tag entgegen. „Aber als ich 18 war, war ich, wie man damals so sagte, schon Witwe“, erinnert sie sich. Denn am 19. Juni 1944 fiel ihr Verlobter bei den Kämpfen um Montepescali in Italien. Die junge Frau erfuhr davon aus einem förmlichen Schreiben seiner Kompanie, dem man ihre letzten Briefe an den Liebsten beigelegt hatte.
Seine Trauer offen zu zeigen war damals nicht möglich
„Ich weiß noch, ich bin damals in den Garten gegangen, hab mich in unsere Laube gesetzt – ja, und dann war alles vorbei“, erinnert sich Charlotte Meyer mit leiser Stimme. Um dann lauter fortzufahren: „Es hieß damals ja immer, alle seien gefallen für Großdeutschland. Deshalb durfte auch niemand in der Öffentlichkeit darüber weinen.“ Auch bei ihrem älteren Bruder Emil war das so. Er fiel schon 1940 in Belgien – die Todesnachricht erreichte die Familie genau an dem Tag, an dem die Mutter, die mittlerweile ihr viertes Kind zur Welt gebracht hatte, das Mutterkreuz bekommen hatte
Kurz nach der zweiten Todesnachricht ereilte die Familie ein weiterer Schicksalsschlag: Sie musste ihr geliebtes Ostpreußen verlassen und vor der näher rückenden Front gen Westen fliehen. Auch wenn vieles zurückgelassen werden musste: Das Poesiealbum und die Briefe ihres Verlobten konnte Charlotte retten. Noch lange trug die junge Frau auch ihren Verlobungsring. Erst als sie sich nach dem Krieg mit ihrem späteren Ehemann verlobte, schenkte sie ihn einer Freundin.
Über den Volksbund auch den Bruder aufgespürt
55 Jahre lang war sie schließlich glücklich verheiratet. Doch die Erinnerung an die im Krieg Gefallenen wird Charlotte Meyer nie los. Ihr Mann unterstützte sie, als sie bereits Mitte der 90er- Jahre über den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge herauszufinden versuchte, wo ihr Bruder seine letzte Ruhe gefunden hat. Die Auskunft kam schneller, als Meyers erwartet hatten: Emil Rudat war zunächst in unmittelbarer Nähe des Ortes, wo er gefallen war, bestattet und später auf den Soldatenfriedhof nach Lommel umgebettet worden. „Zweimal bin ich zusammen mit meinem Mann am Grab gewesen“, erzählt Charlotte Meyer. Beim ersten Mal habe sie dort nicht nur ein Blumengebinde niedergelegt, sondern auch eine kleine Gedenkfeier abgehalten – „als mein Bruder fiel, war das ja nicht möglich“.

Auch nach dem früheren Verlobten zu suchen, das mochte Charlotte Meyer ihrem Ehemann zu dessen Lebzeiten nicht antun. Doch als sie im November 2006, zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes, auf NDR 1 Radio MV hörte, dass an einem Servicetag nach Kriegsgräbern geforscht wurde, rief sie spontan an. „Ich wusste zwar nach all den Jahren nicht mal mehr ganz genau, ob Erichs Geburtstag der 16. Januar oder der 16. Februar 1923 war – aber ich hatte ja zumindest noch sein Briefe, auf denen die Feldpostnummer stand.“ Und die reichte aus. Nicht einmal eine halbe Stunde, nachdem Charlotte Meyer die Hörer-Hotline angerufen hatte, klingelte bereits ihr Telefon: „Wir haben Ihren Verlobten gefunden.“ Ganz exakt konnte man Charlotte Meyer seine letzte Ruhestätte bezeichnen: Block U, Grab 1114 auf dem Ehrenfriedhof im italienischen Pomezia. „Das war schon ein seltsames Gefühl. Ich hatte zwar nicht ununterbrochen an ihn gedacht, aber doch immer wieder einmal. Jetzt konnte ich Ruhe finden“, erinnert sich Charlotte Meyer. „Endlich hatte sich der Kreis geschlossen.“
Mit einem Bild vom Grab schließt sich der Kreis
Charlotte Meyer, die zwar noch selbst Auto fährt, mochte eine so weite Reise nicht mehr auf sich nehmen. Doch gab sie beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Grabschmuck für ihren einstigen Verlobten in Auftrag und bat um ein Foto seiner letzten Ruhestätte. Zusammen mit dem Poesiealbum, den Feldpostbriefen und dem winzigen Foto ihres Verlobten hat es im Arbeitszimmer der rüstigen Seniorin seinen festen Platz gefunden – inmitten vieler anderer Familienbilder.

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